Mittwoch, 23. Dezember 2020

Der Kampf mit dem Zionismus - Wrestling with Zionism

 


Bis zur gewaltsamen Gründung des Staates Israel stellte der Zionismus immer eine Minderheitenmeinung dar. Die westlichen Medien bezeichnen Israel gern als "Heimat der Juden" und "einzige Demokratie des Nahen Ostens". Diese Binsenweisheiten bilden nicht nur die Grundlage der  Berichterstattung, sondern liegen auch der öffentlichen Diskussion und den primitiven Talkshows zugrunde. Kritik an Regierungshandeln gilt als "Königsrecht" jeder demokratischen Öffentlichkeit. Im Falle Israels wird dieses Recht jedoch weitgehend außer Kraft gesetzt. Kritik wird als "antisemitisch" verteufelt. Hier tun sich besonders die sogenannten Freude Israels hervor. Sie sind wider alle Vernunft die "nützlichen Idioten" Israels. Die Meinungen unabhängiger Israelis und Juden, welche die aggressive und rassistische Politik der israelischen Regierungen kritisieren, werden nicht zur Kenntnis genommen.

Seit dem Aufkommen des Zionismus am Ende des 19. Jahrhunderts gibt es großen Widerstand gegen diese Ideologie. Das tiefschürfendste Buch zu diesem Thema wurde von Professor Yakov M. Rabin, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität von Montreal, veröffentlicht. Alle jüdisch-religiösen Autoritäten widersetzten sich dieser Idee, die dem Judentum völlig fremd war. Nach Ansicht des Autors könne die jüdische Tradition der letzten zwei Jahrtausende nur als „pazifistisch“ beschrieben werden. Die Zerstörung des Tempels und das darauf folgende Exil werden nach traditioneller Sichtweise als Strafen für Verfehlungen von Juden interpretiert. Dies galt bis ins 20 Jahrhundert hinein, bis der Zionismus „militärisches Heldentum“ als verehrungswürdig ansah. Die ersten, die Widerstand dagegen und gegen die Kolonisierung Palästinas leisteten, seien die Rabbiner des „alten Yishuv“ gewesen. Für sie stellten die jüdischen Siedler die eigentliche Gefahr dar.

Neben der Opposition religiöser Führer gegen den Zionismus sprachen sich zahlreiche weltliche Persönlichkeiten gegen den Zionismus aus. „Wrestling with Zionism“ präsentiert diese Opposition. Unter ihnen sind solche Schwergewichte wie Ahad Haam, Martin Buber, Albert Einstein, Hannah Arendt, Yeshayahu Leibowitz, Noam Chomsky, Tanja Reinhart, Zeev Sternhell, Uri Avnery, Tikva-Honig Parnass, Shlomo Sand, Tom Segev, Simha Flapan, Baruch Kimmerling, Benny Morris, Avi Shlaim, Ilan Pappe, Gideon Levy, Amira Hass und Michel Sfard, nicht zu vergessen Avraham Burg, der seine Meinung über den Zionismus geändert hat, nachdem er den Job der Jewish Agency abgeben musste. Auch Moshe Machover, einer der renommiertesten antizionistischen Kritiker, der in England lebt und wegen seine politischen Haltung gegenüber Israels Politik der Säuberung in der Arbeiterpartei zum Opfer fiel.

Die westlichen Mainstream-Medien porträtieren Israel/Palästina als die Heimat der Juden. Die Realität hinter dieser absurden Behauptung sieht völlig anders aus. Auf Kosten des indigenen palästinensischen Volkes wurde Israel 1948 gewaltsam gegründet. Über 700.000 Palästinenser wurden gewaltsam aus ihrer Heimat vertrieben. Dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden bis dato kritisiert. Auch der Antizionismus wird von der Israellobby und ihren willigen Vollstreckern als „Antisemitismus“ stigmatisiert. Die zivilgesellschaftliche BDS-Bewegung wird geradezu zu einem Monster stilisiert, das Israels Existenz "bedroht". Diese Wahnidee hat auch Einzug in eine Anti-BDS-Resolution des Deutschen Bundestages gehalten. Dieser politische Irrsinn wurde soeben durch ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages als "verfassungswidrig" und völlig irrelevant bezeichnet.

Bei dieser verabscheuungswürdigen Verleumdungsaktion tun sich besonders die USA, Kanada, Australien, Großbritannien, Frankreich und Deutschland hervor. In diesen Ländern reagiert die politische Klasse hysterisch gegen jede Form von Antisemitismus, obwohl viele Vorfälle nichts mit Antisemitismus zu tun haben. Der sogenannte Antisemitismus dient ihnen als Allzweckwaffe, um sich der berechtigten Kritik an Israels Politik an den Palästinensern nicht stellen zu müssen.

Daphna Levit präsentiert 21 abweichende Meinungen. Diese unabhängigen Stimmen von Israelis und Juden, die das zionistische Narrative in Frage stellen, sind in den westlichen Medien kaum zu hören. Die zionistische Israellobby attackiert alle Medien, die es wagen, solche Meinungen zu veröffentlichen. Vielleicht können solch mutige Bücher wie "Wrestling with Zionism" nur außerhalb Israels veröffentlicht werden. Zusammen mit Zalman Amit veröffentlichte Daphna Levit das ausgezeichnete Buch „Israeli Rejectionism", das zeigt, dass Israel niemals Frieden wollte, weil die israelischen Regierungen jeden Weg ablehnten und boykottierten, der zum Frieden mit den Palästinensern hätte führen können.

Nach Levits Meinung war Israel als ein "Licht unter den Nationen" konzipiert. "Stattdessen schufen wir eine Militärmacht, bis an die Zähne bewaffnet und blind für die Opfer unserer eigenen Grausamkeit." Alle Autoren repräsentieren die moralische Tradition des Judentums. Für den Historiker Shlomo Sand ist Israel "ethnozentrisch und rassistisch".

Dieses Buch setzt einen Kontrapunkt zur offiziellen zionistischen Ideologie, der moralischen Bankrotterklärung des zionistischen Politestablishments und des aggressiv-militanten Nationalismus, der das Gesicht des Judentums verschandelt.  



Dienstag, 15. Dezember 2020

Daphna Levit, Wrestling with Zionism

Resistance against Zionism has been around since this strange idea popped up at the end of the 19 century.  The most profound book on this issue was published by Yakov M. Rabin, Professor Emeritus of History at the University of Montreal. All Jewish religious authorities opposed this idea that was totally alien to Judaism.

Besides the opposition of religious leaders against Zionism, numerous secular figures spoke out against Zionism. „Wrestling with Zionism“ presents this opposition. Among them such heavyweights such as Ahad Haam, Martin Buber, Albert Einstein, Hannah Arendt, Yeshayahu Leibowitz, Noam Chomsky, Tanya Reinhart, Zeev Sternhell, Uri Avnery, Tikva-Honig Parnass, Shlomo Sand, Tom Segev, Simha Flapan, Baruch Kimmerling, Benny Morris, Avi Shlaim, Ilan Pappe, Gideon Levy, Amira Hass, Michel Sfard, not to forget Avraham Burg who changed his mind about Zionism after he took the job of the Jewish Agency.

The Western mainstream media portrays Israel, better known as Palestine, as the homeland of the Jews. The reality behind this preposterous claim looks totally different. At the cost of other people, the indigenous Palestinian people, Israel was established in 1948. Over 700.000 were forcefully expelled from their homeland. This crime against humanity has been criticized until now.

Such criticism has been branded „anti-Semitic,“ and Anti-Zionism has also been stigmatized as „Anti-Semitism“ by the Israel lobby and their willing executioners in the West. Especially despicable are the U. S., Canada, Australia, Great Britain, France, and Germany. In these countries, the political class reacts hysterically against any form of anti-Semitism, although many incidents don’t have anything to do with anti-Semitism.

Daphna Levit presents 21 dissenting opinions. These independent voices from Israelis or Jews, which challenge the Zionist narrative, are hardly heard in the mainstream press. The Zionist Israel lobby tackles any media that dares to publish them. Perhaps such courageous books can only be published outside Israel. Together with Zalman Amit, Daphna Levit published the excellent book „Israeli Rejectionism,“ which demonstrates that Israel never wanted peace because the Israeli governments rejected and boycotted any path that could have led to peace with the Palestinians.

„Wrestling with Zionism“ is just another excellent publication by Daphna Levit.

Read also Mondoweiss.

Donnerstag, 10. Dezember 2020

Peter Bingel, Kirche, Altes Testament und der Nahostkonflikt

Der israelisch-palästinensische Konflikt, besser bekannt als Nahostkonflikt, gilt gemeinhin als ein Konflikt um Land, i. e. „Palästina“ oder „Eretz Israel“ (das Land Israel), wie es vom israelischen Politestablishment genannt wird. Dieser Terminus impliziert bereits einen religiösen Besitzanspruch, der subkutan immer mitgedacht werden muss, wenn man sich mit den Nahostkonflikt beschäftigt. Dieser religiöse Aspekt des Konflikts ist zentral in Peter Bingels Untersuchung. 

Im Zentrum dieses Buches steht das Alte Testament, das ein Teil der „heiligen Schrift“ für die Kirchen darstellt. Für religiöse und nationalistische Juden ist das Alte Testament, besser bekannt als hebräische Bibel, nichts weniger als „Volksgründungs- und Volksgeschichtsbuch“: Landverheißungen und Kolonisationsbefehle werden für bare Münze genommen und in die Gegenwart übertragen. Folglich werden alle Gewaltexzesse gegen Palästinenser in den besetzten Gebieten oder gegenüber israelischen Palästinensern im Kernland Israel legitimiert, insbesondere von nationalistisch-religiösen Kreisen.

„Die Kirchen haben nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaustgeschehen eine Nach-Auschwitz-Theologie entwickelt, die alles Jüdische kritiklos verherrlicht und damit jede realitätsgerechte Wahrnehmung des Nahostgeschehens und jede ethisch verantwortliche Kritik blockiert“, schreibt der Autor. Folglich ist zwischen den unheilstiftenden und den für den christlichen Glauben elementar wichtigen Texten des Alten Testaments zu unterscheiden. Wie die Kirchen an dieser Aufgabe scheitern, wird auf jeder Seite dieses Buches deutlich. 

Die Unzulänglichkeiten des Jüdisch-Christlichen Dialog werden oft thematisiert, den die evangelische Kirche seit 1960 und die katholische nach dem Papst-Besuch in Israel seit 1964 führt. Obgleich es ein Dialog auf Augenhöhe und ohne Scheuklappen sein soll, zeigt sich jedoch, dass sich die beiden Großkirchen in ihrer Einäugigkeit überbieten. Anstatt über den Rassismus und den kriegerischen Expansionismus im Alten Testament auch in Bezug auf Israel zu diskutieren, befassen sich die Teilnehmer mit einem „theoretischen, historischen, theologischen und unpolitischen Judentum“, das es in Israel nie gegeben habe. Aus historischen Gründen dominiert eine Mea-Culpa-Haltung auf christlicher Seite. 

Von Aufarbeitung der unheilvollen Geschichte kann keine Rede sein. Kritische Anmerkungen gegen allem Jüdischen, seien sie politische oder religiös-ethischer Natur, „gelten bereits als verbrecherisch und lassen in der Vorstellung den Mord an sechs Millionen Juden auftauchen, auf den in Kirche und Gesellschaft ständig hingewiesen wird“, so Bingel. Eine solche Haltung führe zu einer tiefen „Schädigung christlich-kirchlichen Glaubens und Lebens, spürbar vor allem im protestantischen Bereich“. Von diesem Denken seien besonders die drei Studien der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKG) geprägt. 

Die fünf Kapitel des Buches haben es in sich. Dementsprechend spricht das Resümee für sich. So wirken die verschiedenen religiösen Kräfte in eine „unheilvolle Richtung“: „Die israelisch-religiöse Religion mit ihrer vehement politischen Lesart der hebräischen Bibel, die evangelische Welt mit ihrem fundamentalistischen Gebrauch des Alten Testaments und ihrem besonders starken politischen Einfluss in den Vereinigten Staaten und die großen Kirchen in Deutschland mit ihrem verfehlten Begriff von ‚Israel‘, die alles jüdische verklären und dem politischen Israel der Gegenwart die biblisch-geistlichen Qualitäten der Erwähnung des Jahwebundes zuordnen.“ 

Anlässlich der unzähligen Menschrechtsverletzungen und eines menschenverachtenden Nationalismus ist eine Matanoia, sprich eine geistige Umkehr, innerhalb der christlichen Kirchen mehr als geboten. Nicht Blauäugigkeit sondern Realismus ist in punkto Israel angesagt. Wie eine geistiger Gesinnungswandel aussehen könnte, dafür gibt das Buch ein Fülle von intellektuellen Anregungen.

Peter Bingel, Kirche, Altes Testament und der Nahostkonflikt, Gabriele Schäfer Verlag, Herne 2018, 172 Seiten, € 15,90.