Montag, 11. Oktober 2010

Jüdischer Fundamentalismus in Israel

In jüngster Zeit hat die israelische Tageszeitung „Ha´aretz“ Artikel zum jüdischen Fundamentalismus in Israel veröffentlicht. Er stellt eine ernsthafte Gefahr für den Bestand Israels als einer jüdisch-demokratischen Gesellschaft dar. Die diversen israelischen Regierung haben den öffentlichen Kredit, den das Land im Allgemeinen noch im westeuropäisch-US-amerikanischen Ausland genießt, durch ihre stillschweigende Duldung dieses extremistischen Phänomens fasst völlig aufgebraucht, dies trifft insbesondere auf die im Augenblick regierende rechtsnationalistische Regierung unter Ministerpräsident Benyamin Netanyahu zu, die sich einen Außenminister leistet, der von einigen israelischen Analysten als „faschistisch“ bezeichnet wird.

Jüdischer Fundamentalismus und Rechtsextremismus in Israel sind leider keine neuen Phänomene. Bereits in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre konnte man diese selbst als Außen stehender Beobachter - ohne die üblichen Pro-Israel-Scheuklappen - deutlich erkennen. Vor undenklichen Zeiten war es in der Bundesrepublik Deutschland in einigen Zeitschriften noch möglich, darüber sine ira et studio zu schreiben. Heute scheint dies selbst in so genannten linken Publikationsorganen wie der „taz“ oder „Der Freitag“ völlig ausgeschlossen, die schräge „Israeldebatte „ in der taz legt dafür ein beredtes Zeugnis ab. Die bundesrepublikanische Medienlandschaft hat sich gegenüber einer realistischen Berichterstattung über die politische Wirklichkeit Israels immunisiert. Es gibt in punkto Widerspiegelung der Vorgänge in Israel eine „Schweigespirale“ wie weiland gegenüber gewissen politisch nicht korrekten Phänomenen in Deutschland, wie es die „Grande Dame“ der Meinungsforschung, Elisabeth Noelle-Neumann, meinte damals feststellen zu müssen.

Welche extremistischen Formen dieser Fundamentalismus angenommen hat, zeigt das Buch zweier Rabbiner in Israel. Zvi Barel zitiert in „Ha´aretz“ vom 22. August 2010 unter dem Titel „Fundamentalism into the mainstream“: "A soldier who takes part in the war against us, but does so only because he is forced to by threats, is an absolute villain .... We are referring to any sort of participation in the war: a combat soldier, a support soldier, civilian assistance or any form of encouragement and support." And: "Even if civilians are tied up or imprisoned and have no choice but to stay and serve as hostages, it is possible to kill them."

Und so geht es weiter in dieser faschistischen Ideologie: "In discussions on the killing of infants and children ... it is reasonable to harm children if it is clear they will grow up to harm us. Under such circumstances they should be the ones targeted." And finally: "There is no need to discuss the question of who is and is not innocent, just as when we are defending against evil we do not hesitate to strike at limbs that were not actually used in actions against us." Dieses sind Zitate aus "The King's Torah" ("Torat Hamelech") der Rabbiner Yitzhak Shapira and Yosef Elitzur. Barel berichtet weiter, das zahlreiche einflussreiche Rabbiner diese beiden in ihren Ansichten unterstützt haben. Diese Zitate bilden die Grundlage einer Untersuchung wegen „Rassismus“ und „ vermuteter Aufwiegelung“. Die beiden Rabbiner haben eine Befragung seitens der Behörden mit dem Argument verweigert, diese käme einer Anklage oder Befragung wegen ihrer freien Meinung gleich. Barel resümiert folgerichtig, dass dadurch das halachische (jüdische) Gesetz über dem staatlichen stehen würde. Der Chefrabbiner der Extremisten-Siedlung Kiryat Arba, in der auch der Massenmörder Baruch Goldstein als „Märtyrer“ verehrt wird, Dov Lior, ist seinen Rabbiner-Kollegen argumentativ beigesprungen, indem er schreibt: "The harassment of the rabbis because of their halakhic views stands in direct opposition to the principles of freedom of religion and expression that are accepted by the state." In keinem westlich-demokratischen Staat würde solche eine Ansicht hingenommen, die sogar die präventive Tötung von Kleinkindern aufgrund einer eingebildeten später prospektiven „Gefahr“ beinhalten würde, wie die Rabbiner Shapira und Elitzur schreiben. Zvi Barel kommentiert also eine in Israel weithin bekannte Tatsache, wenn er schreibt: “Nothing new, so far. Fundamentalist rabbis have approved murder, attacks on Arabs and their property, the illegal takeover of land, racist segregation between Ashkenazi and Mizrahi female pupils, and have ignored (at least) the murder of a prime minister. After all, the source of authority of those same rabbis, the book of books, is full of hair-raising descriptions of the vengeance exacted by the Children of Israel on the peoples of this land.”

Als im November 1995 der damalige Ministerpräsident Yitzhak Rabin von einem rechtsextremistischen religiösen Fanatiker bei einer Friedensdemonstration in Tel-Aviv erschossen worden ist, hat das politische Establishment Israels seine Augen vor den wahren Ursachen dieses Attentats verschlossen. Nur wenige, unter ihnen Israel Shahak, deckten die wirklichen Ursachen dieses politisch-religiös-motivierten Mordes auf. Für Shahak gründeten sie in der Halacha, dem jüdischen Gesetz, so wie jetzt wieder Rabbiner ihre antidemokratischen Ansichten über die Palästinenser mit „Gesetzesvorschriften“ aus der Halacha begründen. Schon damals war bekannt, das führende Rabbiner eine „jüdische Fatwa“ gegen Rabin erlassen hatten, auf die sich sein Mörder Yigal Amir immer wieder berufen hat, ohne deren Inspiratoren zu nennen. Aber nicht nur das religiös-extremistische Establishment Israel trägt Verantwortung für die Ermordung Rabins, sondern auch die damaligen Vertreter der Likud-Partei. Sie haben öffentlich gegen den Ministerpräsidenten gehetzt. Nicht ohne Grund hat Lea Rabin damals die ausgestreckte „Beileids spendende“ Hand von Benyamin Netanyahu verweigert. Das folgende Buch gibt einen ersten, erschreckenden, aber aufschlussreichen Blick in die Welt des jüdischen Fundamentalismus in Israel.

Der jüdische Fundamentalismus in Israel hat seine Wurzeln in den orthodoxen Glaubensvorstellungen. Er übt einen verheerenden Einfluss auf alle Bereiche der israelischen Gesellschaft aus, insbesondere das Militär und die Politik. Jüdischer Fundamentalismus ist nichts ungewöhnliches, steht er doch neben christlichem, islamischem und hinduistischem Fundamentalismus. Im Westen wird der islamische Fundamentalismus jedoch geschmäht, jüdischer Fundamentalismus dagegen ignoriert. Dies trifft insbesondere auf die Berichterstattung westlicher Medien zu, die essentielle Fakten nicht berichten, sich einer oberflächlichen Analyse bedienen und folglich oft irreführend ist. Dagegen wird in der hebräischen Presse offen und sehr kritisch über diese innerisraelischen Missstände berichtet; der Duktus der Beiträge würde in den westlichen Medien als „antisemitisch“ inkriminiert werden.

Allen Fundamentalismen ist eine „goldene Zeit“ eigen, die es wiederherzustellen gilt. In der ersten Netanyahu-Regierung (1996-1999) trat das fundamentalistisch-nationalistische Phänomen bereits offen zutage. Heute ist es noch offensichtlicher durch die Regierungsbeteiligung der als rechtsextremistisch geltenden Partei „Israel Beiteinu“. Der Wahlsieg Ehud Baraks 1999 hat die Brisanz des jüdischen Fundamentalismus für Beobachter Israels jedoch wieder in den Hintergrund treten lassen. Fälschlicherweise, wie die Autoren meinen. Für sie stellt der Fundamentalismus weiterhin eine ernste Gefahr für den demokratischen Bestand Israels dar. Diese Warnung der Autoren erhält eine zusätzliche Brisanz, weil Netanyahu 2009 wieder Regierungschef einer rechtsnationalistisch-religiös-fundamentalistischen Regierung geworden ist, die sich einen Außenminister leistet, der nach westeuropäischen demokratischen Standards keine Karriere gemacht hätte. Beruhigend für Israel, auch in Europa und den USA erodieren die Wertmaßstäbe.

Jüdischer Fundamentalismus ist der Glaube, dass die jüdische Orthodoxie, die auf dem babylonischen Talmud, des talmudischen und halachischen Schrifttums beruht, noch gültig ist und ewig Gültigkeit beanspruchen wird. Die jüdischen Fundamentalisten glauben, dass das Alte Testament nur dann als autoritativ angesehen werden kann, wenn es anhand des talmudischen Schrifttums interpretiert wird.

Die Autoren vertreten die These, dass der jüdische Fundamentalismus nur dann zu verstehen ist, wenn man die historische Periode identifiziere, die die Fundamentalisten wiederherstellen wollen. Sie teilen die Geschichte des Judentums in vier Perioden ein. Die jüdischen Fundamentalisten haben die Zeit von 1550 bis 1750 als die „goldene Zeit“ des Judentums beschrieben, in der die große Mehrheit der Juden die Kabbala und ihre Regeln akzeptierte. Diese Ära sollte wiedererstehen.

In Israel gibt es eine große Anzahl von Fundamentalisten und Extremisten. Einer der ersten war der Rabbiner Abraham Kook, der „jüdische Überlegenheit“ predigte. "The difference between a Jewish soul and souls of non-Jews - all of them in all different levels - is greater and deeper than the difference between a human soul and the souls of cattle." Eines ihrer gemeinsamen Ziele sei die Errichtung des jüdischen Tempels auf dem Haram al-Sharif (Tempelberg). Wenn dies nicht zu erreichen sei, dann solle der Platz, auf dem die islamischen Heiligtümer - Felsendom und Al-Aksa-Moschee - stehen, von Besuchern freigehalten werden. Die Bedeutung des jüdischen Fundamentalismus lässt sich nach Ansicht der Autoren nur in dessen Beitrag zur Spaltung der israelischen Gesellschaft verstehen. Diese drücke sich insbesondere in der Tatsache aus, dass die Linke in Israel die Normalität anstrebt und wie jedes andere Volk leben will - dies ein zentrales Dogma des säkularen Zionismus - wohingegen die Rechte und die Fundamentalisten die Einzigartigkeit des jüdischen Volkes betonen und sich bewusst von anderen Völkern unterscheiden wollten. „Juden sind und können kein normales Volk sein. Ihre Einzigartigkeit beruht auf dem ewigen Bund mit Gott“, so Vertreter der Siedlerbewegung Gush Emunim (Block der Getreuen), der von Rabbi Tzvi Yehuda Kook gegründet worden ist. Dies geht dann sogar soweit, dass aufgrund des „jüdischen Blutes“ Juden zu einer anderen Kategorie gehören als Nicht-Juden. „Für religiöse Juden hat das Blut eines Nicht-Juden keinen wirklichen Wert; für Vertreter des Likud besitzt es einen relativen“ so die Autoren. Die innerjüdische Diskussion, die von ranghohen Vertretern der Fundamentalisten wie Rabbi Ovadia Yoseph, dem geistigen Oberhaupt der Shas-Partei, und anderen Vertretern des religiösen Establishments und der Nationalreligiösen Partei (NRP) zu diesen Fragen geführt werden, mutet mehr als bizarr an. Die Autoren betonen mehrmals, dass sich diese Diskussion nie in der englischen Literatur wiederfinde bzw. im Ausland völlig unbekannt sei.

Das Buch bietet einen erstklassigen Überblick in die verschiedenen fundamentalistischen Strömungen wie der Haredim, die sich in aschkenasische (europäische) und sephardische (orientalische) Juden teilen, den Vertretern der NRP und des Gush Emunim. Des Weiteren werden die Bedeutung des Massenmörders Baruch Goldstein, der in der Ibrahim-Moschee in Hebron 29 betende Muslime niedermetzelte, und der religiöse Hintergrund des Attentates auf Ministerpräsident Yitzhak Rabin religiös eingeordnet. Beide politische Ereignisse seien ohne die religiöse Tradition der Bestrafung und Tötung von „Häretikern“ nicht zu verstehen.
Shahak und Mezvinsky haben ein provokantes und faszinierendes Buch geschrieben. Es erschließt dem Leser Bilder des Judentums und eines Teils der israelischen Gesellschaft, die nicht in das Wunschbild vieler Lobbyisten, Israelfans und politisch Naiver passen wollen. Vielleicht geben diesen Fans die Worte des langjährigen Autoren des „Jerusalem Reports“ vom April 2001, Ze´ev Chafets, zu denken: „The Arabs can`t destroy Israel, but the rabbis can. The rabbis can do that by turning Israel into the kind of political entity that Jews lived in for 2,000 years, by turning it into a place governed by clerical law and clerical thinking which had become so backward and xenophobic that Israel wont`t be able to function as a state.” Das Buch ist unbequem, aber aufschlussreich. Eine Übersetzung ins Deutsche wäre sinnvoll. Oder soll auch dieses spannende und interessante Buch dem „Traumbild“ geopferte werden und der „Schweigespirale“ in Deutschland anheimfallen?

Zuerst erschienen in: Der Semit. Unabhängige jüdische Zeitschrift, (2010) 5, S. 66-68.

Israel Shahak/Norton Mezvinsky, Jewish Fundamentalism in Israel, Pluto, 2. Aufl., 2010, Neuauflage 2004 (1999), 176 Seiten.

Freitag, 8. Oktober 2010

Barack Obama der „Drohnenkrieger“

Pakistan hat die Faxen dicke mit den US-amerikanischen Drohnenangriffen gegen seine Soldaten und mutmaßliche „Taliban“ auf seinem Territorium. Bei diesen Angriffen, die von Militärstützpunkten in den USA gesteuert werden, kommen nach pakistanischen Angaben bis zu 90 Prozent Zivilisten zu Schaden. In „The Nation“ vom 6. Oktober 2010 war in Bezug u. a. auf die Tötung pakistanischer Soldaten im Artikel „Nato´s unjust stand“ Folgendes zu lesen: „NATO Secretary General Rasmussen’s brazen admittance that the helicopter gunships’ attack on Pakistan’s territory was deliberately carried out shows how lightly the invaders of Afghanistan regard our sovereignty. The remark that he made in a meeting with Foreign Minister Shah Mahmood Qureshi was also intended to convey the message that NATO forces equate Pakistan’s territory with the killing fields of Afghanistan. The barefaced impudence with which he made the statement also points to America’s sinister plan to extend the Afghan war into Pakistan. If the Secretary General has himself stated that the attacks were deliberate, it is clear that his offer of carrying out a joint investigation is nothing but absolute nonsense meant to further confuse the Pakistani nation.” Der US-Botschafter in Pakistan hat sich für das Verhalten seines Landes offiziell entschuldigt.

Die Tötung überwiegend Unschuldiger durch unbemannte, ferngesteuerte Flugkörper ist rechtlich mehr als fragwürdig. Verfügt die pakistanische Armee nicht über ein Luftabwehrsystem, um den pakistanischen Luftraum und die Souveränität des Landes zu verteidigen? Erst kürzlich hat Pakistans Generalstabschef, General Mirza Aslam Beg, gefordert, die Drohnen abzuschießen. Mit der Ausweitung des „Krieges gegen den Terror“ unterminieren die westlichen Besatzungstruppen die politische Stabilität eines bereits strauchelnden Landes weiter. Folglich gibt es in Pakistan einen Anti-Amerikanismus, der sich fast der 100-Prozent-Marke nähert. Die Ablehnung der „Taliban“ (ein Synonym für alle, welche die westliche Besetzung ihrer Länder ablehnen), bewegt sich gerade einmal bei 20 Prozent. Trotz dieser eindeutigen Stimmungslage versucht die Obama-Regierung, den Krieg auf dieses Land auszuweiten. Dies geschieht „schleichend“ wie weiland in Kambodscha und Laos. Pakistan ist nach Indonesien das Land mit der größten muslimischen Bevölkerung (175 Millionen), knapp gefolgt von Indien und Bangladesch. Dies ist nicht nur die Ausweitung des ominösen „Krieges gegen den Terror“, sondern ein völlig neuer Krieg, der sich gegen den Islam richtet. Spätestens jetzt müsste die Geschäftsgrundlage für die anderen kriegswilligen Staaten entfallen.

Bereits der völkerrechtswidrige Angriff der USA auf Afghanistan und später der Überfall auf den Irak entbehrten jeglicher rechtlicher Grundlage. Nach den 9/11-Terroranschlägen in den USA reklamierte das Land einen „Bündnisfall“ nach Artikel 5 des Nato-Vertrages für sich, um das Bündnis endlich globalisieren zu können. Dafür lagen aber die Voraussetzungen nicht vor. Weder wurden die USA von einem Staat angegriffen, noch stand ihre Souveränität in Frage. Es gab Terroranschläge, die von Kriminellen innerhalb der USA ausgeführt worden sind. Gleichwohl beschloss der Nato-Rat den Bündnisfall. Diese Fehlentscheidung war wohl dem allgemeinen Schock der 9/11-Anschläge geschuldet. Dies war nicht nur eine völlig falsche, sondern auch eine verhängnisvolle Entscheidung. Diese monströse Tat hätte gemäß Völkerrecht und inneramerikanischem Recht geahndet werden können. Auf völkerrechtlicher Ebene durch die „Montreal Sabotage Konvention“ von 1971 wie im Lockerbie-Fall und durch die Durchsetzung der US-Strafgesetze, in denen eindeutig geregelt ist, was terroristische Akte sind. Auch die Terroranschläge in Kenia und Tansania wurden nach US-Strafrecht als terroristische Akte eingestuft. Die Bush-Regierung hatte daran aber kein Interesse, weil der Angriff auf Afghanistan das Präludium für den lange geplanten Überfall auf den Irak abgeben sollte. Die „Bush-Krieger“ gehörten fast alle dem „Project for the New American Century“ an und hatten bereits in mehreren Schreiben an den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton für einen Sturz von Saddam Hussein getrommelt. Der Sturz Saddams hatte - unabhängig von 9/11 - oberste Priorität in der Bush-Administration, und zwar von Beginn an.

Bei den bevorstehenden Nato-Gipfeln sollte es nicht um eine Umdeutung der Strategie von einer defensiv-eurozentrierten in eine globale Kriegsführungsstrategie gehen, sondern um die Auflösung der Allianz. Ihre Raison d´etre war mit dem Ende des Kalten Krieges entfallen. Warum sollen länger europäische Mächte Milliarden von Euro in den Sand oder das Leben ihrer Soldaten aufs Spiel setzen, wo es sich doch bei den Kriegen in Afghanistan, Irak, Pakistan und - vielleicht in absehbarer Zeit – Iran um rein amerikanische Kriege handelt? Die US-amerikanischen geostrategischen Neuordnungsvorstellen Zentralasiens liegen nicht im europäischen Interesse, schon gar nicht im russischen, chinesischen oder jedes anderen Staates in der Region. Für eine Auflösung spricht auch der von Georgien mit Unterstützung der „Bush-Krieger“ angezettelte Angriff auf die russische Enklave. Hätte man Georgien in die Nato aufgenommen, wie es die „Bush-Krieger“ wollten, wäre der Frieden in Europa perdu gewesen.

Nach Artikel 87 a, 26, 115 Grundgesetz (GG) ist jedweder Angriffskrieg untersagt, Verteidigung bezieht sich immer nur auf die Abwehr eines Angriffs auf das eigene Territorium. Artikel 25 räumt sogar dem Völkerrecht prioritäre Geltung bei, wenn es heißt: „Die allgemeinen Regeln des Völkerrechtes sind Bestandteil des Bundesrechtes. Sie gehen den Gesetzen vor und erzeugen Rechte und Pflichten unmittelbar für die Bewohner des Bundesgebietes.“ Da das Völkerrecht den Angriffskrieg ächtet, ist es selbstredende, das jeder einem Angriffskriegsverbot unterliegt. Auch wenn die Bundesrepublik Deutschland sich nach Artikel 24 GG einem kollektiven Sicherheitssystem einfügen kann, dann nur, um den Frieden in Europa und zwischen den Völkern zu wahren. Der Weltfriede wurde aber nicht durch die 9/11-Terroranschläge bedroht, ergo lag kein Bündnisfall nach Artikel 5 Nato-Vertrag vor, ergo ist der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan Völkerrechtswidrig.

Die Terrorwarnung des US-Geheimdienstes der letzten Tage dient auch dem Zweck, die Länder Westeuropas in eine Art „Terrorhysterie“ zu versetzen. Das der deutschen Regierung keine verwertbaren Erkenntnisse vorliegen, wird von Experten dahingehend gedeutet, dass die deutschen Geheimdienste nicht alle Informationen von ihren US-amerikanischen „Freunden“ erhalten, wie es z. B. bei anderen Diensten der Fall ist. Deutschland gelte als „unsicherer Kantonist“. Ein weiterer Grund mag darin liegen, dass der Deutsche Bundestag in Kürze über die Verlängerung des Afghanistan-Einsatzes neu entscheiden muss. Trotz dieser gestreuten „Terrorwarnungen“ hat der Bundesinnenminister äußerst souverän reagiert und alles getan, dass sich in Deutschland keine Hysterie breitmachen kann wie in den USA. Es muss in Europa alles getan werde, um die bereits grassierende Islamophobie samt „Feindbild Islam“, welches das kommunistische Feindbild ersetzt hat, zu widerstehen. Das Problem mit „dem“ Islam ist ein Problem, das die US-amerikanischen Ideologen vom Schlage der Neokonservativen und der Armageddon-„Christen“ sowie die kleinbürgerlich-spießigen Extremisten der Tea-Party-Bewegung haben. Es dient ausschließlich dazu, die geostrategische Expansion der USA in Zentralasien und anderen Teilen der islamischen Welt weiter voranzutreiben.

Obama selbst ist nur noch ein Schatten seiner Rhetorik. Er ist ein getriebener der Neokonservativen und der mit ihnen verbündeten Medien sowie ein „Gefangener“ des militärisch-industriellen Komplexes. Diese Kreise behaupten, dass Pakistan eine große Bedrohung der US-amerikanischen Interessen darstelle und folglich in seine Einzelteile zerlegt werden müsse, und zwar in einzelne Ministaaten entlang ethnischer Kriterien wie im Irak geschehen. Gleiches wurde kürzlich von George W. Bush's ehemaligen stellvertretenden Nationalen Sicherheitsberater Robert D. Blackwill für Afghanistan vorgeschlagen. Ein solcher Irrsinn hat in diesen Kreisen Methode, gehen doch die neokonservativen Ideologen und ihre „willigen Helfershelfer“ von einem permanenten Krieg der USA gegen die muslimische Welt aus, wie es im Slogan vom „Islamfaschismus“ zum Ausdruck kommt. Mit dem alten kolonialen Herrschaftsinstrument des divide et impera ließen sich die beiden Länder vermutlich leichter kontrollieren.

Wenn sich auf absehbare Zeit nicht die politische Vernunft innerhalb der politischen Klasse der USA durchsetzt, sollten die Europäer dem US-amerikanischen Abenteurertum ihre Unterstützung entziehen. Es gibt keinen „Krieg der Kulturen“, sondern dieser wurde von US-amerikanischen Wissenschaftsideologen erfunden, um die Hegemonie der USA weiter auszudehnen. Was der Drohnenkrieg anrichtet, wird aus dem Dialog zwischen dem verurteilten Times Square-Autobomber Faisal Shahazd und der Distrikt Richterin Miriam Cederbaum deutlich. Auf die Frage der Richterin, ob er sich am Times Square umgeschaut und er dort auch Kinder gesehen habe, entgegnete er: "Well, the drone hits in Afghanistan and Iraq, they don't see children, they don't see anybody. They kill women, children, they kill everybody. It's a war, and in war, they kill people. They're killing all Muslims." Und später fügte er noch hinzu: "I am part of the answer to the U.S. terrorizing the Muslim nations and the Muslim people. And, on behalf of that, I'm avenging the attack. Living in the United States, Americans only care about their own people, but they don't care about the people elsewhere in the world when they die." Das Problem der westlichen Besatzungsarmeen kommt in der Überschrift von Bruce Feins Artikel in “The Huffington Post” zum Ausdruck: “Predator Drones: Bin Laden´s best friends“.

Der Westen sitzt einem Neo-Orientalismus auf, der die islamische Welt und Teile ihrer politischen Elite für „irrational“, ja sogar für „cracy“ hält. Dieses Zerrbild des Orients liegt auch der grassierenden Islamophobie in den USA und weiten Teilen Westeuropas zugrunde. Ob es dem Westen passt oder nicht, seine neokolonialen Kriege werden von den muslimischen Völkern als Kriege gegen den Islam und die muslimische Welt gesehen. Übrigens: Der Krieg in Afghanistan ist für den Westen bereits verloren. Es kann für die größte Militärallianz nur noch darum gehen, ohne „Gesichtsverlust“ aus dem selbstverschuldeten Schlamassel herauszukommen.

Donnerstag, 30. September 2010

Der “Friedensprozess” als Farce des Westens

Im Nahen Osten ist zum wiederholten Male der “Friedensprozess” ausgebrochen, und die internationale Medienöffentlichkeit ist wieder aus dem Häuschen. Argumente und politische Spitzfindigkeiten werden ausgetauscht und rhetorisch als „seriös“ hin und her gewälzt, als ob es um ein friedliches Nebeneinander des israelischen und palästinensischen Volkes auf Augenhöhe gehen würde. Darum ging es bereits 1993 nicht, als dieser „Friedensprozess“ zum ersten Male auf der internationalen Bühne zelebriert worden ist. Bereits zum damaligen Zeitpunkt war die Unterwerfung des kolonisierten Volkes angesagt. Yassir Arafat, der „Terrorist“ und „Freiheitskämpfer“, wurde von Yitzhak Rabin und US-Präsident Bill Clinton auf der internationalen Bühne als hoffähiger Akteur etabliert, damit er die Sicherheit der Siedler in den besetzten Gebieten und die der Bewohner in Israel proper mit sichern helfen sollte. Diese Rolle hatte er für einige Jahre gut gespielt, bis ihm klar wurde, dass der „Friedensprozess“ keinen Staat „Palästina“ zum Ziel hatte, sondern einen Bantustan.

Für seine „Dienstleistung“ erhielt er die Insignien eines „Präsidenten“ Palästinas: einige Landstücke seines Heimatlandes zur Selbstverwaltung, eine „Regierung“ mit „Ministern“ und unzähligen „Generaldirektoren“ - alle fürstlich ausgestattet mit Fuhrpark, Handys und üppigen Gehältern -. eine Fahne, eine Präsidentenlimousine mit Fahnenständer, eine Dudelsackkapelle, die bei „Staatsbesuchen“ „al-Biladi“ (Mein Land) intonieren durfte, eine Briefmarke mit seinem Konterfei, einen Flughafen im Gaza-Streifen, von dem er aber nur für seine Weltumsegelungen mit Genehmigung der israelischen Besatzungsbehörden abheben konnte, „Reispässe“, die nicht zur Ausreise aus den besetzten Gebieten berechtigten, sowie die Weitergabe jedweder Anträge an die „Autonomiebehörde“ zur Genehmigung durch die Israelis. Ironischer Weise begann die aggressivste Phase der Kolonisierung Palästinas erst mit Ausbruch dieses „Friedensprozesses“. Daran hat sich bis heute nichts geändert, im Gegenteil: Es ist alles noch viel schlimmer, ja schlicht katastrophal und zutiefst Menschen-unwürdig für die Besetzen geworden.

Jetzt mutet US-Präsident Barack Hussein Obama der Welt eine neue Runde dieser Farce zu, obgleich er wissen müsste, dass man dies erst in der zweiten Amtsperiode machen sollte, weil sonst seine Präsidentschaft auf dem Spiel stehen könnte. Das Nobelkomitee hat ihm den Friedensnobelpreis bereits nach einigen Wochen im Amt verliehen. Für was, fragten sich nicht nur die Obama-Fans? Ein Präsident, der zwei Kolonialkriege seines Vorgängers weiterführt bzw. diese expandiert, wird mit der höchsten moralischen Auszeichnung geehrt, welche zu vergeben ist! Dieses Nobelkomitee hat sogar George Orwell getoppt. Es scheint, als trete Obama die Flucht nach vorne an, um in seinem ersten und vielleicht letzten „Term“ noch seine Reputation zu retten. Ein schwierigeres Terrain als den Nahostkonflikt hätte er sich dafür nicht aussuchen können. Dieser endlose Konflikt hat schon viele US-Präsidenten kommen und gehen sehen.

Die westliche Staatenwelt hat einen großen Vorteil gegenüber allen autoritären, diktatorischen und totalitären Regimen: ihre freiheitlich-demokratische Verfasstheit samt deren Werte. Gerade letztere werden aber im augenblicklichen „Friedensprozess“ weitensgehend ignoriert, weil sie diejenigen ausgrenzt, die über die einzige demokratische Legitimation in Palästina verfügen: die Hamas, wie grotesk es auch klingen mag. 2006 wurde diese Bewegung oder Partei von über 60 Prozent der palästinensischen Bevölkerung in freien, demokratischen, gleichen und geheimen Wahlen als ihre parlamentarische Vertretung gewählt. Erstmalig wurde in der arabischen Welt eine korrupte politische Elite in freien Wahlen von der Macht abgewählt. Anstatt dies zu begrüßen, übernahm der Westen kritiklos die politische Position der israelischen Regierung und verdammte die neue Regierung, obgleich die Kritik des Westens an der alten Abbas-Regierung mehr als berechtigt war. So kritisierte der Westen die palästinensische Führung unter „Präsident“ Mahmoud Abbas wegen ihrer weitverbreiteten Korruption, ihrer schlechten Regierungsführung und ihrer antidemokratischen Haltung. Trotz dieser berechtigten Kritik an der Abbas-Regierung, missachtete der Westen den freien Willen des palästinensischen Volkes; es hatte nicht so gewählt, wie es sich der Westen vorgestellt hatte. Wurde vielleicht das falsche Volk zu den Wahlurnen gerufen? Was kann der Westen noch mehr tun, als durch seine Haltung die eigenen „westlichen Werte“ so ad absurdum zu führen?

Präsident Obamas „Glanz“ ist in jeder Beziehung verblasst. In rhetorischer Telepromter-Brillianz hat er sich an die muslimische Welt gewandt und den israelischen Ministerpräsidenten öffentlich vorgeführt. Beide Male sprang er als Löwe und endete als Bettvorleger. Seine Autorität in den USA ist völlig dahin, nicht nur wegen der Hetzkampagnen der rechtskonservativen Neocons, der kleinbürgerlich-spießigen Tea-Party-Bewegung oder der Armageddon-zentrierten christlichen Fundamentalisten. Selbst seine Kollegen/innen im Westen wollen sich in seinem „Glanz“ nicht mehr sonnen. Dies gilt umso mehr für den Nahen Osten, die Ausnahmen bilden „Präsident“ Abbas und die von den USA völlig abhängigen Präsidenten Jordaniens und Ägyptens, die Abhängigkeit der saudi-arabischen Autokratie steht auf einem anderen Blatt. Diese „Amtskollegen“ werden bei der Tagung der Arabischen Liga Anfang Oktober Abbas empfehlen, die „Friedensgespräche“ nicht abzubrechen, obgleich es dafür keine Grundlage mehr gibt, bzw. nie gegeben hat. Auch 1947/48 pilgerten die palästinensischen Politiker zum „Arab Higher Committee“ nach Kairo und in andere arabische Hauptstädte, um sich Rat bei einer desolaten arabischen Führung zu holen, die nicht an der palästinensischen Sache, sondern nur daran interessiert war, wie sie den Einfluss ihrer anderen arabischen Rivalen konterkarieren konnte. Völlig korrekt konstatiert John Strawson in "Partitioning Palestine": "The Palestinian leadership had become captive to the rivalries of the Arab League." Folglich drängt sich heute die Frage geradezu auf, zu wessen "captives" die heute palästinensische Führung geworden ist. Eine als „Befreiungsbewegung“ für das palästinensische Volk gestartete PLO, ist - dank des Westens und seiner "arabischen Verbündeten" - zu einer Karikatur ihrer selbst verkommen. Das westliche Dilemma wird noch durch die Illegitimität von Abbas und seiner „Regierung“ unter Ministerpräsident Salman Fayyad verstärkt. Beiden fehlt jede demokratische Legitimation. Ersterem, weil seine Amtszeit schon lange abgelaufen ist, letzterem, weil er nur auf Druck der USA eingesetzt worden ist.

Dem Westen seien noch einmal folgende völkerrechtlichen Fakten in Erinnerung gerufen: Die im Sechstagekrieg von 1967 eroberten Gebiete (kriegerische Besetzung) - Westbank, Gaza-Streifen, Ost-Jerusalem und die Golan-Höhen -, sind illegal besetzt. Ein Transfer der Bevölkerung des Besatzers widerspricht Artikel 49 der Vierten Genfer Konvention, ebenso der Bau von Siedlerkolonien. Alle Maßnahmen des Besatzers, die nicht dem Wohl der besetzten Bevölkerung gelten, sind null und nichtig, wie z. B. das Abzapfen des Grundwassers, der Raub palästinensischen Landes, die Zerstörung von Wohnhäusern in besetzten Gebieten, die Folter ihrer Einwohner, die totale Abriegelung der Gebiete, die willkürliche Ausreisebeschränkung, der Bau einer acht Meter hohen Mauer oder eines „Sicherheitszaunes“ weitestgehend auf besetztem Gebiet, wie es der Internationale Gerichtshof 2004 in Den Haag in einem Gutachten festgestellt hat. Durch diese völkerrechtswidrige Mauer werden 90 Prozent Rest-Palästinas von Israel eingemeindet. Alle diese völkerrechtswidrigen Maßnahmen der israelischen Besatzungsmacht scheinen den Westen mit seinen „westlichen Werten“ wenig zu interessieren. Übrigens: Das Genfer Abkommen ist für alle Staaten verbindlich. Laut Artikel 1 verpflichten sich alle Vertragsparteien, "das Abkommen unter allen Umständen einzuhalten und seine Einhaltung durchzusetzen." Bestehen im israelischen Fall die „westlichen Werten“ darin, dass jede völkerrechtswidrige Aktion oder jede Verletzung der Menschenrechte mit diesen im Einklang stehen? Wäre dies der Fall, bleibt von der Glaubwürdigkeit „des Westens“ wenig übrig.

Unter den obwaltenden machtpolitischen Umständen wird diese friedenspolitische Farce für einige Zeit auf der internationalen Bühne aufgeführt werden. Sollten die "Abbas-Palästinenser " einen „Friedensvertrag“ mit Israel unterzeichnen, wird dieser aufgrund mangelnder Legitimität der Unterzeichner und der fehlenden palästinensischen Einheit keinen Tag Bestand haben. Für wen spricht Abbas überhaupt, außer für sich und seine Kumpane? Ob der Westen aber die Aufrechterhaltung einer solchen Abmachung auf Dauer unbeschadet überstehen wird, muss aufgrund historischer Erfahrungen bezweifelt werden. Seine neokolonialen Kriege in Irak und Afghanistan sprechen nicht gerade für rationales politisches Handeln. Ob der Ausweg aus diesem Glaubwürdigkeitsdilemma zur Eröffnung weiterer Kriegsschauplätze wie in Iran, Somalia oder Jemen führen wird, scheint eher einem Taschenspielertrick zu gleichen. Der Westen kämpft nicht wie weiland Don Quijote gegen Windmühlen, sondern gegen eine Hydra. Je mehr „Taliban“ getötet werden, je mehr erheben sich gegen die westlichen Besatzer. Um dieser Hydra beizukommen, weiten die US-geführten NATO-Truppen den Krieg auf Pakistan aus wie weiland im Vietnamkrieg gegen Kambodscha. Dieses machtpolitische Déjà-vu entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Haben die US-amerikanischen Geostrategen einmal darüber nachgedacht, dass einige Völker Zentralasiens mit den Neuordnungsvorstellungen der USA und ihrer Helfershelfer nicht einverstanden sind?

Dienstag, 28. September 2010

Resistenza: l'essenza della Rivoluzione Islamista

Bonn, settembre - Di fronte al fallimento della "guerra al terrore" e al pasticcio in cui l'amministrazione di Bush ha portato gli Stati Uniti, sarebbe ora per il nuovo presidente Barack Hussein Obama rivedere la politica degli US dalla a alla zeta. Tutte le decisioni prese da Obama riguardanti Guantanamo (per non parlare di Bagram), le torture, le "rendizioni" straordinarie, le prigioni segrete, il monitoraggio a tappeto di corrispondenze elettroniche e telefoniche, sono rimaste ferme. Obama ha smesso di parlare della guerra al terrore: egli semplicemente continua a muoverla. Il nuovo presidente si presenta ogni giorno come una versione aggiornata di Bush: molta retorica, ma poco cambiamento reale.

Il “guardiamo in avanti” non dovrebbe risultare l'unica preoccupazione di Obama. Egli non dovrebbe tralasciare di guardare “indietro” per fare l'inventario dei danni arrecati da Bush al cuore ed all'anima degli Stati Unti, e per assicurare gli istigatori alla giustizia. Nel dibattito sulla tortura, tuttora in corso, Obama ha già perso punti nei confronti dell'ex-vice presidente Dick Cheney, il principale responsabile della questione, per la situazione kafkiana creatasi nel Paese. Oltre a rendere l'America alla legge, e cercare di riparare la reputazione rovinata del Paese, sarebbe di altrettanta importanza la normalizzazione dei rapporti con il mondo islamico.

Le ossessioni anti-islamiche, non soltanto nella classe dominante e nei media, ma anche tra la popolazione, dovrebbero essere ripudiate e stigmatizzate come razziste. Nel suo discorso al Cairo, il presidente Obama si è impegnato a farlo. I musulmani vogliono essere trattati alla pari con chiunque altro. Vogliono che gli USA ritirino le loro forze di occupazione dai Paesi musulmani, quali l'Iraq, Afghanistan e la penisola Arabica. I musulmani d'America dubitano della serietà e della capacità della classe politica americana di comprendere e affrontare le vere cause del conflitto tra l'Occidente ed il mondo islamico.

Il libro “Resistance” (Resistenza) di Alastair Crooke lancia uno sguardo acuto all'interno dell'abisso che si è aperto tra i due “mondi” e Obama e sua moglie Michelle potrebbero trarre dei vantaggi dal leggerlo. Di sicuro lo comprenderebbero, perché il libro affronta l'arroganza occidentale, la sopraffazione, l'ipocrisia ed il razzismo nei confronti dei non-bianchi. E mette in luce ciò di cui parla Frantz Fanon nel suo libro famoso, “Black Skin, White Maks” (Pelle nera, maschere bianche), oppure ciò che Edward Said ha chiamato “orientalismo”, sostituito poi dal “nuovo orientalismo”.

Alastair Crooke, direttore e fondatore del “Conflicts Forum”, rintraccia l'essenza e lo spirito della rivoluzione islamica dalle sue origini in Egitto, passando per la rivoluzione iraniana sino a Hamas e a Hezbollah. I colloqui con numerosi islamisti lo hanno portato a constatare che “il conflitto tra l'Islam e l'Occidente è intimamente religioso”. Le idee cui s'ispirano le politiche dell'Occidente, possono essere tracciate come uno sviluppo lineare, sino dai giorni della lotta del protestantesimo e del puritanesimo contro il cattolicesimo romano.

Le stesse procedure e gli stessi discorsi usati contro i cattolici, sono finiti per essere applicati all'Islam. Crooke cita un membro del clero iraniano che, spiegando la natura del conflitto tra Islam e Occidente, sostiene che esso riguarderebbe l'essere umano. L'Occidente, dice l'uomo religioso, ha tralasciato di riflettere sulle conseguenze generate dalle sue idee e sull'impatto che esse hanno avuto su altri. Il nocciolo del problema, secondo lui, sta nel modo di pensare dell'Occidente, cioè, nel suo “ragionamento su come ragionare”. Questo modo di pensare ha portato l'Occidente a una distorsione del concetto di essere umano. E così l'Occidente ha perso il concetto di centralità della persona umana quale punto di riferimento in funzione del quale progettare il futuro della nostra vita . “Soltanto sulla base di questa introspezione”, dice il religioso iraniano, citato da Crook, “possiamo cominciare ad affrontare ciò che non funziona".

Il libro “Resistance” racconta la storia del percorso fatto dal mondo musulmano per scoprire una rinnovata fiducia in se stesso e una nuova autostima, mettendo fine alle sensazioni di umiliazione derivanti dal disprezzo e dalla demonizzazione. L'Islam non ha nulla a che vedere con il terrorismo o con assalti suicidi, dice Crooke, ma piuttosto con la lotta, giorno per giorno, per la giustizia, per il rispetto dell'essere umano e per la compassione. Gli islamisti contestano l'idea centrale che la modernità occidentale sia portatrice di reale benessere umano. L'autore, inoltre, constata che la resistenza armata di stampo islamista non è, come viene presentato dai media occidentali, una violenza reazionaria diretta contro la modernità, alla quale gli islamisti resisterebbero, o che sarebbero incapaci di assimilare. Il punto d'arrivo della resistenza islamista non è di uccidere occidentali, come fecero i crociati nei confronti dei musulmani, ma di “costringere l'Occidente a cambiare il suo comportamento”.

Il libro si propone, tra l'altro, di spiegare l'essenza della rivoluzione islamista e di ricercare la natura intrinseca dell'islamismo e del suo messaggio. Non si tratta di un libro su Israele e l'Islam, bensì sulla resistenza islamista e l'Occidente. Da questa ottica, il ruolo attribuito a Israele rimane incidentale. Le idee di Crooke sulla resistenza islamista sono alquanto inconsuete e vanno in direzione contraria alle percezioni occidentali. Crooke indica numerose analogie tra il pensiero politico e filosofico islamista da un lato e la Teoria Critica della Scuola di Francoforte dall'altro.

Non dovrebbe sorprendere quindi che Juergen Habermas, della seconda generazione, è letto moltissimo a Teheran. Gli esponenti della Scuola di Francoforte erano i primi ad affrontare questioni di etica, religione, scienza, ragione e razionalità, da una varietà di prospettive. Come gli islamisti, essi argomentavano che alle soglie del diciottesimo secolo il razionalismo strumentale era riuscito ad imporsi alla forma mentis occidentale, permettendo al sapere acquisito per questa via a pretendere un'errata inattaccabilità. Come i religiosi sciiti, i seguaci della Teoria Critica sostenevano che la reificazione del pensiero razionale avrebbe raggiunto un tale livello di radicalità da diventare uno strumento di sopraffazione e di controllo dell'ambiente, della natura e dello stesso essere umano. Andando avanti per questa strada, alla fine si arriverebbe alla spoliticizzazione della politica.

Sebbene sia sopravvissuta la cultura, essa è diventata un impegno privato, segnando stili di vita, ma non un intreccio di riferimenti, norme e regole pubblici. Il libro chiede cosa sia andato storto nell'Occidente dopo l'Illuminismo. Crooke identifica tra i maggiori fattori di decadimento la strumentalità funzionale della Ragione. Questo canone pervade la politica Occidentale, l'economia come la scienza, estraniandosi dal pensiero islamico. L'occidentalizzazione e la secolarizzazione della Turchia, nonché la brutalità con la quale fu conseguita la costituzione del suo stato-nazione, sono diventate sintomi dei peggiori aspetti del modernismo laico. Il mito di un libero mercato, messo in moto da una mano invisibile che avrebbe garantito il benessere dell'uomo, è incompatibile con la dottrina dell'Islam e ne costituisce una minaccia esistenziale.

Un'altra causa di conflittualità deriva dalle differenze di coscienza religiosa vera e propria. Secondo l'autore, per spiegare la dottrina economica dell'Occidente, il concetto dello stato-nazione e i principi ai quali si ispira l'organizzazione della società, vengono addotte le fondamenta della visione cristiana del mondo. Egli distingue anche tra la “resistenza emancipatrice di movimenti quali Hamas e Hezbollah, e la filosofia del 'bruciare-il-sistema-per-ricostruire-ex nuovo' di al-Qaeda e le tendenze escatologiche di alcuni gruppi salafiti”. Crooke sostiene che l'incapacità dell'Occidente di fare questa distinzione, opera a favore dei movimenti piuttosto estremisti. La demonizzazione dell'islamismo, secondo l'autore, non è il risultato di una mancanza di conoscenza da parte dell'Occidente, ma invece, di una “deliberata operazione ideologica”, volta a indebolire il liberalismo per rafforzare la mira americana verso l'“azione decisiva”, quali gli interventi in Medio Oriente dettati dall'agenda neoliberale.

Alla luce della storia, l'immagine dell'America, come nazione ispirata a ideali morali, deve subire una correzione. La realtà racconta una storia diversa. Il discorso amichevole che Obama fece al mondo musulmano al Cairo, impiegando la consueta retorica e annunciando una politica del tipo andiamo-avanti-come-se-niente-fosse-successo”, non ha sortito risultati concreti. Egli ha detto che “i palestinesi devono abbandonare la violenza”, ma non una singola parola è stata pronunciata riguardo la brutalità dell'occupazione israeliana degli ultimi 42 anni, per non parlare dell'abominevole assalto alla Striscia di Gaza.

Alastair Crooke ha abbozzato una strategia politica per l'Occidente, per il suo confronto con il mondo musulmano. Si farebbe bene a non ignorarla. Il messaggio è forte quanto impegnativo, ma molto più realistico che non l'orizzonte tracciato da Obama, quale presunto nuovo inizio verso il mondo
musulmano.

Ludwig Watzal

Traduzione italiana da Susanne Scheidt, pubblicista, Milano.

(Ricercatore, redattore, giornalista a Bonn, in Germania, Watzal è autore di numerose pubblicazioni sul conflitto medio-orientale. E' stato ripetutamente al centro di campagne diffamatorie in patria da parte di gruppi di pressione sionisti per i suoi libri, articoli e commenti volti a informare il pubblico sulla realtà dell'occupazione israeliana della Palestina, piuttosto che alimentare il mito sionista, necessario per mantenere la “relazione speciale” che lega la politica tedesca a Tel Aviv). In inglese qui e qui.

Montag, 16. August 2010

Hamas. A Beginner´s Guide

Israel, the United States and the European Union call Hamas a "terrorist organization". Yet Hamas swept to victory in the 2006 Palestinian elections and stunned the world. It is now a democratically elected political party. All the election observers agreed that the elections were free, fair, and democratic. The Palestinian people showed their ability to establish a democratic state next to Israel. But Israel, the United States and the EU did not like this idea of a democratic Palestinian state besides Israel and the outcome of a democratic election. According to their opinion, the Palestinian people voted democratically, but for the wrong party. What is wrong with the Hamas movement? And why is it demonized by Israel, the US and the European Union? The reviewed book asks all relevant questions concerning Hamas and gives very balanced answers.

Khaled Hroub is one of the best experts on this Islamic Movement. He works as a director of the Arab Media Project at Cambridge University. In 2000 he already published a book on the political thought and practice of Hamas. Hroub, a secular Palestinian, tells the story of the "real Hamas" and the "misperceived and distorted one". By "real Hamas" he means the reality of Hamas as it has been on the ground in all its aspects - debunking any reductionist approach. The book is structured chronologically and thematically. It follows a question and answer structure, which makes it a good read, with steps that can easily be comprehended. The book has thirteen chapters, starting with Hamas´ history, the movement´s ideology, strategy and objectives, Israel and Judaism, the resistance and military strategy, ´international Islamism`, leadership and structure, the stance towards the West, Hamas in power, the future of Hamas and Hamas and the Gaza war et cetera..

Western experts in international relations, who follow the realist school and show some understanding of Hamas policy, are typically branded "terrorist sympathizers". Aware of this predicament, Hroub makes his position clear: "My own perception of Hamas goes beyond the mere question of being with or against the movement. As a secular person myself, my aspiration is for Palestine, and all other Arab countries for that matter, to be governed by human-made laws. However, I see Hamas as a natural outcome of un-natural, brutal occupational conditions. The radicalism of Hamas should be seen as a completely predictable result of the ongoing Israeli colonial project in Palestine. Palestinians support whichever movement holds the banner of resistance against that occupation and promises to defend the Palestinian rights of freedom and self-determination. At this juncture of history, they see in Hamas the defender of those rights."

The extreme brutality of the Israeli occupation really started with the outbreak of the first Intifada in December 1987. Before that, Israel pretended to exercise a "benign occupation" (Moshe Dayan). Nowadays, perceiving the degree of Israeli oppression, the incompetence of the ruling Fatah elite, the corruption, and the bad governance, everybody can understand why Hamas exists and became the strongest party in Palestine. From the beginning, they refused in a charade, which Israel, the US and PLO-chairman Yassir Arafat called "peace process". Hroub writes that after Hamas´ foundation they challenged the role of the PLO as “the sole and legitimate representative of the Palestinian people”. The biggest blow to the after-Arafat PLO was the defeat in the elections in 2006 and the loss of power. They could only gain their power back by ousting a democratically elected government with the “support” of Israel and the US.

There has never been any sign that Hamas has engaged in "globalized Jihad", writes Hroub. “Hamas limits its fight to within the borders of Palestine, and its enemy is Israel.” Hamas has remained "nation-state based, limiting its struggle to one for and within Palestine, and fighting not a local regime but a foreign occupier. This differentiation is important as it exposes the shallowness of the widespread (mostly Western) trivializing conflation of all Islamist movements into one single ´terrorist` category." That is why “Hamas is indeed very anxious to keep itself well distanced from al-Qaeda, and certainly does not engage in any co-operation with it.”

According to Israeli and Western perceptions, Hamas is branded a “terrorist organization” which wants to destroy Israel. To support such an accusation, the Hamas Charter is quoted as a case in point. What Hroub writes about the importance of the Charter contradicts the Western image of the organization. The author admits that the Charter, which was written by one person from the Muslim brotherhood, who belonged to the ´old guard` and was “completely cut off from the outside world”, was never officially adopted by Hamas. The document contains many generalizations, all kinds of confusions, and conflations between Zionism and Judaism that led to charges of anti-Semitism and of a naive worldview, writes the author. Hroub also mentions that no Hamas official ever revered to the Charter as a leading policy paper. The statements of the Charter “are irrelevant to the present Hamas party, the Charter itself has become largely obsolete". The charges “that the Charter explicitly calls for the ´destruction of Israel` or the ´termination of the Jews` are not accurate; no such literal phrases occur in the Charter”. If the Charter has harmed Hamas, as the author writes, why does Hamas not get rid of it? Hroub gives the following explanation: Hamas leaders fear this would be construed by many as giving up on the basic principles of the movement. Phrases like the “destruction of Israel" or the “termination of the Jews” which are often used by Western media or pro-Israeli supporters, when referring to Hamas’ “ultimate goal” are in fact never used by Hamas, writes Hroub. Neither the Israel public nor the Israel government and its Western supporters will buy such an assertion.

What is Hamas´s view of Israel? “According to Hamas, Israel is a colonial state established by force and resulting from western colonialism and imperialism against Arabs and Muslims before and after the turn of the twentieth century.” Hroub writes that at the beginning of Hamas its view of Israel was loaded with “religious significance, holding that Israel was the culmination of a Jewish onslaught against Muslims and their holy places in Jerusalem”. The Western encroachment was seen as a “renewal of the medieval Crusaders”. For Hroub, Hamas does not aim at the “destruction of Israel” as its “ultimate goal” because Hamas has never used this phrase, not even in its most radical statements. The organization`s ultimate goal is “the liberation of Palestine”. Any realist knows that neither any Arab state or all together nor Hamas or Hisbollah are capable of destroying Israel. “Depicting Hamas (and the Palestinians) as any such threat to Israel is a matter of political propaganda and emotional sensationalism.” According to Hroub, Hamas has never used the old rhetoric after they were elected into power in 2006. The discourse is dominated by resistance against the occupation and the illegal seizure of Palestinian lands. “Any suggestion that Hamas plans or aims to destroy Israel is obviously naïve”.

The author points at the pragmatism and realistic approach of Hamas which does not exclude the recognition of Israel by the organization. As long Israel does not recognize the right of the Palestinian people of self-determination, Hamas will not recognize Israel. (According to international law, the Palestinian Authority has repeatedly expressed its recognition of the State of Israel. But the Israeli political class demands more than just a "simple" recognition under international law. It demands from the Palestinians the recognition of Israel´s “right to existence". Such a “right” is, however, unknown in international law. It’s a political demand, which would, if accepted, leave the Palestinians without any rights in their own country, and would retroactively legitimate all the injustices which were inflicted upon the indigenous people of Palestine.) Hroub mentions that Hamas would accept a deal with Israel of the final settlement when a referendum about the status would be held in Israel and Palestine.

The latter Bush administration claimed it wanted to create a “New Middle East”. At the end of his second term the “Bush-warriors” have indeed created a “New Middle East”, but it was a Middle East they would not have dreamt of when they stated their adventure. All Israeli interventions (this holds also true for the American ones in Iraq and Afghanisten) strengthened the determination of resistance to occupation as is the case of Hamas after the Gaza war, writes Hroub. “The Gaza war is, in certain ways, a result of Bush´s short-sighted Middle Eastern policy.” The result: “The moderates have been knocked out, the resistance forces have become stronger, anti-Americanism is deeper, and Palestine as the core issue in the region is as persistent as ever.” Should there be no Palestinian state under the Obama presidency, there will be a “new resisting Middle East” a new wave of radicalization with Hamas as a part of it, writes the author. Building hope on Obama, as the author insinuates, might be like building on quicksand. The US Middle Eastern policy is as one-sided and depended on the wishes of Israel and its cronies in the US as ever. For the region, the worse might yet come, should an Israel-US-American alliance attack Iran.

The highly differentiated picture of Hamas painted by Hroub will not be appreciated by Western policy makers, because it does not fit into their "terror mythology". The book would be, however, a veritable asset to politicians´ who want to contribute to a genuine and just peace in the Middle East. Hroub´s book will be an eye-opener to those with an open mind. It provides a sober analysis of Hamas and can only adequately judged in the light of the Israeli occupation. The book should be read by policy makers and political analysts who want to understand Hamas as a major Middle Eastern player.

Published by Pluto Press. First published: News.com.ag and MWC News and The Palestine Chronicle. In Spanish here.

Dienstag, 10. August 2010

Israels Zukunft: "Entzionisierung" und die "Beseitigung von Apartheid"?

Israel Shahak starb am 2. Juli 2001 im Alter von 68 Jahren. Geboren wurde er am 28. April 1933 in Warschau. Er war Überlebender des Warschauer Ghettos und des Konzentrationslagers Bergen Belsen. 1945 emigrierte er in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina (heute Israel). Er war Humanist und kämpfte sein Leben lang für die Menschenrechte. Über viele Jahre hinweg war er Vorsitzender der israelischen Liga für Menschenrechte. Er war ein beständiger Kritiker des Zionismus, der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern, der reaktionären Elemente des Judentums und des jüdischen Fundamentalismus.

Für die deutsch-israelische Menschrechtsanwältin Felicia Langer war Shahak „Yeseyahu Leibowitz ohne Religion“. Beide Personen können als Israels letzte Propheten betrachtet werden. Frau Langer war lange Jahre Vizepräsidentin der israelischen Liga für Menschenrechte. Sie charakterisierte Shahak in einem Interview mit mir als den „couragiertesten Intellektuellen, einen engen Freund mit fundierten Kenntnissen der politischen Verhältnisse als viele andere. Obgleich sein Spezialgebiet Biochemie war, las er mit Hingabe, besonders Literatur. Er war ein Mensch ohne Vorurteile.“

Shahak war eine Persönlichkeit mit festen Überzeugungen. Er lehnte die Israelzentrierte Erinnerung des Holocausts ab. Für ihn konnte diese Erinnerung nur universal sein. Konsequent opponierte der gegen Rassismus, Unterdrückung und gegen jede Form der Diskriminierung. Bis zu seinem Tode kritisierte er nicht nur die diskriminierende Behandlung der palästinensischen Bürger Israels, sondern auch die inhumane Behandlung der Palästinenser in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.

Israel Shahaks Sichtweise von Israel und seines politischen Systems kommen in seinen Büchern „Jewish History, Jewish Religion“, „Open Secrets“, and „Jewish Fundamentalism in Israel“ (alle im Pluto Verlag erschienen; das letzte mit Koautor Norton Mezvinsky ) bestens zum Ausdruck. In diesen Büchern entfaltet er ein Bild Israels, das im Westen nicht gängig ist, dies trifft insbesondere für die Vereinigten Staaten von Amerika zu. Shahak war auch berühmt für seine so genannten "„Shahak Papers“, die aus Übersetzungen aus der hebräischen Presse bestanden und in Kopie weltweit versand worden sind.

Ich traf Israel Shahak zum ersten Mal 1997 in Jerusalem. Bis zu seinem Tode hatten wir Kontrakt. Als die Veröffentlichung seines Buches „Jewish History, Jewish Religion“ in einem obskuren deutschen Verlag bevorstand, warnte ich ihn, einer Veröffentlichung nicht zuzustimmen. Seine Antwort war: „Das interessiert mich nicht. Das Wichtigste ist, dass es auf Deutsch erscheint.“ Das Buch wurde in Deutschland völlig ignoriert. Glücklicherweise erschien es 2009 im Melzer Verlag in dessen Reihe „Semit Edition“.

Das folgende Interview mit Israel Shahak führte ich kurz vor Israels 50. Gründungsjubiläum. Es wurde teilweise in der österreichischen Zeitschrift „International“ 1997 unter dem Titel „Arafat ist ein Diktator“ publiziert. Damals war Binyamin Netanyahu ebenfalls Israels Ministerpräsident. Anlässlich des neunten Todestages von Israel Shahak habe ich mich entschlossen, dass vollständige Interview nicht nur erstmalig auf Englisch (MWC News und Australia.to News), sondern auch auf Deutsch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dass dies in „Der Semit“ möglich ist, dafür danke ich dem Chefredakteur Abraham Melzer ganz herzlich. (Ludwig Watzal)


Ludwig Watzal: Sie gehören zu den wenigen Menschen in Israel, die nicht nur sehr kritisch Ihrem eigenen Land und Regierung gegenüberstehen, sondern auch den Palästinensern, insbesondere Arafat. Was sind die Gründe dafür?

Israel Shahak: Ich habe kürzlich an einem Treffen von Linksintellektuellen in Tel Aviv teilgenommen. Alle waren kritisch gegenüber meinem Land und cirka 600 gegenüber Arafat. Ich stehe also nicht allein. Der Grund für meine Kritik ist sehr einfach. Ich glaube, dass der Zionismus eine Form des Rassismus ist. Ich habe seit Jahren gesagt, dass er das Spiegelbild des Antisemitismus ist. Wie man Antisemitismus als Ausdruck des Hasses gegenüber Juden findet, so ist der Zionismus ein Ausdruck des Hasses gegenüber allen Nicht-Juden (Gojim); nicht nur gegenüber Arabern, sondern auch gegen alle Gojim. Jeder, der die hebräische Presse liest, kann diese Tatsache nicht leugnen. Ich glaube Arafat ist ein Diktator. Arafat ist der Spielball in der Hand der Israelis und der Amerikaner, um sogenannte Stabilität zu garantieren und die Palästinenser ruhig zu halten, während sie weiter ausgebeutet und unterdrückt werden.

In Ihren Veröffentlichungen waren Sie immer sehr kritisch gegenüber der zionistischen Ideologie. Ist es nur wegen des rassistischen Aspekts oder gibt es noch andere Elemente, die Sie zu Ihrer Kritik veranlasst haben?

Ich beginne immer mit einer jüdischen Kritik des Zionismus bevor ich zu dem Schaden komme, den er gegenüber den Palästinensern anrichtet. Der Zionismus hätte auch dann kritisiert werden müssen, wenn ein jüdischer Staat auf einer verlassenen Insel gegründet worden wäre, ohne jemanden zu verletzen. Der Grund dafür ist, dass ein Staat, der auf der Idee der Reinheit der Religion, der Rasse, der Nationalität beruht, kritisiert werden sollte. Das Ziel des Zionismus ist, wie die Zionisten selber sagen, einen reinen jüdischen Staat zu gründen. Dieses Ziel wurde insbesondere durch den Zionismus der Arbeitspartei verfolgt. Ich glaube, dass ein Staat offen sein soll für eine gewisse Anzahl von Menschen, die verfolgt und unterdrückt werden und Asyl suchen. Israel sollte nicht rein jüdisch sein und auch nicht-jüdische Immigranten aufnehmen.

Glauben Sie, dass der Zionismus sein Ziel erreicht hat, einen normalen Nationalstaat für das jüdische Volk zu schaffen?

Ja und Nein. Ich glaube, das Ziel der Staatsgründung ist für die israelischen Juden erreicht worden. Im Laufe der Jahre unterschieden sich die Israelis aber von den anderen Juden. Die israelischen Juden sind eine eigenständige Nation geworden. Wenn Israelis in die USA auswandern, bleiben sie getrennt von der amerikanisch-jüdischen Gemeinschaft. Sie mögen die Amerikaner lieber als die amerikanischen Juden. Sie verlangen von den Juden, die nach Israel einwandern, dass sie Israelis werden, dass sie israelische Gewohnheiten annehmen. Diejenigen, die sich nicht dieser Forderung beugen, werden in einer Art bedacht, die vergleichbar ist mit der deutschen Abwehrhaltung gegenüber Deutschen, die aus dem Ausland nach Deutschland zurückkehren. Somit ist kein jüdischer, sondern ein israelisch-jüdischer Staat geschaffen worden.

Sind Sie mit Ihrer augenblicklichen Regierung zufrieden? Was mögen Sie an ihr und was nicht?

Ich bin mit keiner Regierung zufrieden. Wir werden nie eine gute Regierung haben, sondern immer nur eine weniger schlechte. Ich kann natürlich nicht zufrieden sein mit einer zionistischen Regierung, weil ich alle als diskriminierend ansehe. Die augenblickliche Regierung ist weniger schlecht als die Rabin- und Peres-Regierung. Da unsere augenblickliche Regierung eine rechte ist, wird sie von der ganzen Welt und der Hälfte der Israelis suspekt betrachtet, aber sie stiehlt weniger palästinensisches Land als die Rabin/Peres-Regierung. Die Arbeitspartei-Regierung konnte Land konfiszieren und Siedlungen ausbauen und sagen, es sei für den Frieden. Die Tragödie war, dass die Welt ihnen glaubte. Der große Vorteil von Netanyahu ist, dass man ihm nichts glaubt. Deshalb kann er viel weniger Schaden anrichten als die Vorgängerregierung. Ein weiterer Vorteil ist, dass der Likud Frieden mit Ägypten geschlossen hat und den Sinai zurückgegeben hat. Der Likud hat zwar 1982 den Libanon angegriffen, aber der Frieden mit Ägypten ist viel wichtiger. Es gab unter Likud eine größere Demokratisierung der Gesellschaft als unter der Regierungszeit der Arbeitspartei. Rabin beschlagnahmte z.B. sehr viel arabisches Land in Israel. Die erste Tat unter Menachim Begin war, dass arabisches Land in Israel nicht mehr beschlagnahmt wurde, sondern nur noch in den besetzten Gebieten. Nach dem Prinzip des geringeren Übels ist dies gut.

Haben Sie nicht Ihr Leben lang gegen Diskriminierung, Rassismus und Unterdrückung von anderen Völkern gekämpft?

Nicht mein ganzes Leben. Erst seit 1968, davor war ich nur ein Chemiker.

Steht Ihre Regierung nicht unter starkem Einfluss der religiösen Koalitionspartner?

Ich bin generell enttäuscht von dem zunehmenden Einfluss der religiösen Parteien. Besonders fürchte ich die Nationalreligiöse Partei (Mafdal). Ich halte sie für problematischer als die Shas-Partei. Unter der Arbeitspartei wäre es das gleiche. Es ist ein Trend, den ich absolut ablehne und fürchte.

Was ist das Gefährliche an der Mafdal-Partei?

Sie ist eine messianische Partei. Sie glaubt, dass wir in einer Zeit der Erlösung leben. Die Welt hat sich geändert und Gott wird augenblicklich erscheinen. Deshalb müsse man Taten vollbringen, die uns hoffen lassen, dass Gott zu unseren Gunsten eingreifen wird. Oder wie die Deutschen sagen: „Gott mit uns.“ Dies ist ein sehr gefährlicher Slogan, weil mit ihm alles gerechtfertigt werden kann. Nur die Mafdal fordert die Gründung eines religiösen Staates, in dem das talmudische Gesetz anstatt des säkularen Gesetzes gilt. Des Weiteren gibt es eine starke Tendenz in dieser Partei, den dritten Tempel wieder zu errichten. Das heißt, die Al-Aqsa-Moschee und der Felsendom müssen zerstört werden. Dies würde zu einem Konflikt mit der islamischen Welt führen, der viel gefährlicher sein wird, als alles, was die Zionisten bisher getan haben. Die anderen religiösen Parteien bekämpfe ich auf der gleichen Ebene wie die säkularen Parteien. Ich teile aber nicht die Diffamierungen der israelischen Linken gegenüber der Shas-Partei. Obwohl ich Shas ablehne, ist sie eine gewöhnliche israelische Partei, die nach dem Prinzip des Gebens und Nehmens funktioniert. Es gibt z.B. keine Shas-Mitgleider in Hebron. Dort leben die fanatischsten Juden; sie gehören alle zur Mafdal-Partei.

Insbesondere nach dem Massaker von Baruch Goldstein in der Ibrahimi-Moschee in Hebron haben sie die religiösen Parteien kritisiert. Ihr Argument war, dass diese Tat nicht verstanden werden kann, ohne die Bedeutung der jüdischen Religion mitzuberücksichtigen. Was sind Ihre Gründe dafür?

Bevor ich den Zionismus kritisiert habe, habe ich die jüdische Religion kritisiert. Nach Yigal Amirs Attentat ist es klar. Für mich war es bereits 1967 klar. Wenn Sie die Politik Israels seit 1967 betrachten, konnte eine solche Politik nur durch eine „religiöse“ Politik der messianischen Art ausgeführt werden. Weder die Säkularen noch die Shas-Mitglieder stimmen mit einer solchen Politik überein. Wenn Sie die Siedlungen nicht als eine Einheit betrachten, gibt es unter den Siedler schlechte und weniger schlechte. Nehmen Sie z.B. die Siedlung in Hebron oder Netzarim im Gaza-Streifen, wo 120 Siedler inmitten von hunderttausenden von Palästinensern leben. Man kann eine solche Siedlung nicht so behandeln wie die anderen Siedlungen. Alle extremen Siedlungen sind religiös, kein säkularer Jude will dort leben. Dies zeigt den religiösen Fanatismus dieser Leute. Sie missachten sogar die realen Umstände, nur um ihre üblen Siedlungsaktivitäten fortsetzen zu können.

Gibt es einen latenten Rassismus der Juden gegen Nicht-Juden (Gojim) hier in Israel?

Der objektive Rassismus in Israel gehört hier zum Alltag. Er richtet sich gegen die ausländischen Arbeiter, die ca. 200 000 umfassen. Der Grund des Hasses gegen die nicht-arabischen Nicht-Juden wird offen zugegeben, weil sie so wenige sind. Israel braucht keine Angst zu haben vor einem Krieg mit Rumänien oder den Philippinen. Minister, Journalisten und natürlich Rabbiner sagen offen, dass sie keine rumänischen Arbeiter wollen, weil sich eventuell unsere Töchter in sie verlieben könnten. Ihnen ist bestimmt dieses rassistische Argument aus Ihrem Land bekannt. Es ist hier ganz klar, dass die meisten Juden Gojim hassen, und je stärker sie durch die Religion beeinflusst sind, desto größer der Hass. Dieser Hass kommt von der jüdischen Religion. In meinem Buch „Jewish History, Jewish Religion“ habe ich aufgezeigt, dass, wenn die religiösen Gesetze eingehalten und über hunderte von Jahren internalisiert werden, werden sie zu einer Quelle des Hasses. Ebenso richtig ist es, wenn Juden jene Schriften von katholischen Heiligen erwähnen, die die Quelle des Hasses gegenüber den Juden sind.

Waren Sie überrascht, dass ein religiöser Jude Rabin ermordet hat?

Ich gehörte zu den zwei Leuten, die es vorhergesagt haben. Der andere was Yehosohavat Harkabi, der ehemalige Leiter des Militärischen Abschirmdienstes. Wir beide sagten voraus, dass ein religiöser Jude versuchen wird, den Ministerpräsidenten zu ermorden. Ich möchte eine andere Prognose wagen: Es wird ebenfalls einen Versuch eines religiösen Juden geben, Netanyahu zu töten. (In diesem Punkte irrte Shahak L. W.)

Ich dachte immer, Rabin war ein guter Ministerpräsident für die Siedler. Er war derjenige, der das Sicherheitsdenken Israels am besten verkörperte. Er war nicht bereit, Siedlungen nach dem Goldstein-Massaker in Hebron aufzulösen. Wie sehen Sie das?

Er war mehr in Symbolik als in Realität interessiert. Alles, was Sie sagen, ist richtig. Rabin pflegte die Siedler immer zu beleidigen. Er sagte ihnen, dass sie nicht wichtig für die Sicherheit seien, dass wir Frieden schließen werden und dass ein Jude, wenn er nach Gush Etzion (ein Siedlungsblock in der Nähe von Jerusalem L.W.) gehen möchte, ein Visum benötige etc. Die messianischen Juden sind nicht so sehr an Realität interessiert, sondern in Erlösung. Yigal Amir und andere sind nicht so sehr interessiert am Oslo-Abkommen, das den größten zionistischen Sieg nach der Staatsgründung von 1948 darstellt. Was sie bewegt ist die Tatsache, ob eine palästinensische Fahne -ein Symbol- über dem „heiligen Land“ weht. Ich gebe Ihnen ein christlich-muslimisches Beispiel: In den frühen christlich-islamischen Handelsbeziehungen wäre der Bau einer Moschee in Venedig oder Rom unmöglich gewesen, aber vor einigen Jahren ist eine gebaut worden. Eine Moschee ist ein Symbol. Saudi-Arabien verbietet bis heute den Bau einer christlichen Kirche auf seinem Staatsgebiet. Es sind also nicht nur die Juden, für die Symbole eine wichtige Bedeutung haben.

Fürchten Sie die Zunahme des jüdischen Fundamentalismus in Israel? Glauben Sie, dass dieser religiöse Fundamentalismus die Sicherheit des Staates auf lange Sicht gefährdet?

Ja. Es gibt zwei Szenarien: Das erste ist ein Bürgerkrieg. Er ist immer möglich, insbesondere dann, wenn es keine äußere Bedrohung mehr gibt. Auch mit einer solchen Bedrohung halte ich einen solchen durch die messianischen Juden für sehr wahrscheinlich. Das zweite Szenario ist viel schlimmer und wird augenblicklich seit eineinhalb Jahren in der israelischen Presse diskutiert: Ein religiöser Staatsstreich. Die Zahl der religiös orientierten Offiziere und Soldaten nimmt stark zu, weil die messianischen Juden die stärksten Militaristen in Israel sind. Sie erziehen ihre Kinder für den Militärdienst über die drei Jahre hinaus. Sie unterhalten Schulen mit einem militärischen Ausbildungsprogramm, in denen die Schüler mit dem Ziel erzogen werden, Offiziere in Elite-Einheiten zu werden. Zirka 30 Prozent eines Offiziersjahrganges gehören den messianischen Juden an. Sie sind exzellente Soldaten. Die Armee bevorzugt sie. Sie könnten versucht sein, einen Staatsstreich zu organisieren, der von ihrem ideologischen Standpunkt aus gesehen immer mehr eine Möglichkeit darstellt.

Haben sie bereits die höheren Offiziersränge erreicht?

Sie haben noch keinen General. Aber die Erfahrung lehrt, dass Majore und Obersten einen Staatsstreich organisieren können. Man braucht dazu keinen General.

Unternimmt die israelische Regierung etwas, um den Einfluss der nationalreligiösen Israelis auf die Armee zu stoppen oder einzudämmen?

Nein. Wir haben eine Bewegung von pensionierten Militärs, die Ausbildungsstätten für paramilitärisches Training für säkulare Jugendliche einrichten, bzw. um sie auszubilden. Damit will man den Einfluss der Religiösen in der Armee konterkarieren.

Glauben Sie, dass das säkulare Israel stark genug ist, um dem Einfluss der Religiösen standzuhalten?

Im Augenblick ja. Aber was in acht bis zehn Jahren passiert, kann ich nicht sagen.

Wie setzt sich die israelische Gesellschaft mit dem religiösen und rechtsradikalen Phänomen nach der Ermordung Rabins auseinander?

Sie hat sich überhaupt nicht damit auseinandergesetzt. Dies ist einer der größten Skandale in der israelischen Geschichte. Insbesondere wird der Likud und Netanyahu von der Arbeitspartei beschuldigt, für die Ermordung Rabins mitverantwortlich zu sein. Sie haben sich aber nicht mit den Gruppen befasst, die Yigal Amir ausgebildet haben. Der Likud hat nicht zur Tötung des Ministerpräsidenten aufgerufen, sondern die religiösen Gruppen. Indem die Arbeitspartei dies weiter verbreitet, erhöht sich die Gefahr. Hier gibt es eine gute deutsche Parallele: Das Verhalten der Kommunisten vor der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1933. Anstatt die Nazis zu bekämpfen, bekämpften sie die Sozialdemokraten. Die israelische Rechte in ihrer Gesamtheit kann nicht für den Mord an Rabin verantwortlich gemacht werden, sondern nur die Mafdal-Partei und ihr Ausbildungssystem.

Sie gehören zu den schärfsten Kritikern des Zionismus. Mögen Sie deshalb den sogenannten Postzionismus?

Nein. Ich bin Antizionist.

Sind die Postzionisten nicht auch Antizionisten?

Es ist eine vage Bewegung. Auch die ersten Zionisten waren Mitglieder einer schlechten Bewegung, weil sie Land kauften mit der Intention, dass es nur Juden gehören dürfe, und sie kündigten sofort das rassistische Prinzip der „jüdischen Arbeit“ an. Das heißt, dass ein jüdischer Arbeitgeber nur jüdische Arbeiter einstellen sollte. Das ist purer Rassismus.

Stellen nicht die Postzionisten viele zionistische Geschichtsmythen in Frage?

Dies gilt auch für den Zionismus. Wir haben eine sehr positive Bewegung von „neuen Historikern“, die alles, die gesamte Geschichte, in Frage stellen nicht nur die letzten hundert Jahre. Dieses Verhalten ist nicht nur beschränkt auf den Postzionismus, sondern gilt für große Bereiche der israelischen Gesellschaft. Es gibt viele Zionisten, die das gleiche tun. Benni Morris ist ein überzeugter Zionist und hat Bücher geschrieben, welche die Geschichte gewisser Perioden verändert haben.

Moshe Zimmermann argumentiert, dass die Periode des klassischen Zionismus mit der Ermordung Rabins zu Ende gegangen sei und dass die Feinde des Zionismus, die ethnozentrische Variante des Zionismus, die Macht übernommen habe. Diese Vertreter seien die wirklichen Postzionisten. Wie stehen Sie zu dieser Interpretation?

Dies ist neu für mich. Er hat diese These wahrscheinlich in Deutschland vorgetragen und nicht in Israel. Ich teile nicht seine Meinung. Der klassische Zionismus existiert weiter. Er hat mächtige Feinde, die nicht-messianischen religiösen Parteien. Die Shas-Partei hat gegenüber der Nationalreligiösen-Partei den Vorteil, dass sie den Zionismus ablehnt, weil der Zionismus gegen die jüdische Religion in ihrer ursprünglichen Form verstoße.

Ich möchte zu einem anderen Themenbereich wechseln. Sollten die deutsch-israelischen Beziehungen normal sein wie z.B. die Beziehungen zwischen den USA und Israel oder gibt es da immer noch etwas Besonderes zwischen unseren beiden Ländern?

Da gibt es nichts Besonderes, außer für Menschen, die den Holocaust überlebt haben. Nach deren Meinung sind es keine besonderen Beziehungen, sondern individuelle. Ich kenne Menschen, welche die deutsche Kultur nicht mögen. Ich mag sie nicht nur, sondern kenne sie auch ziemlich gut. Es ist eine persönliche Angelegenheit. Zwischen den beiden Staaten sollte es normale Beziehungen geben, weil der Nazismus kein antijüdisches, sondern ein universelles Phänomen ist. Die Anzahl der Menschen, Deutsche eingeschlossen, die unter der Naziherrschaft getötet worden sind, war größer als die Zahl der getöteten Juden. Ich vergesse nicht die Juden, die getötet wurden - zu denen auch Mitglieder meiner Familie gehörten -, und weil Nazismus überall entstehen kann. Wenn die messianischen Juden Israel regieren, werden wir ein Nazi-Israel haben. Damit der Nazismus niemals wieder entstehen kann, muss man normale Beziehungen mit Deutschland unterhalten.

Wie weit sollte der Holocaust noch unsere Beziehungen beeinflussen?

Die Erinnerung an den Holocaust muss wach gehalten werden, aber es ist eine universale Erinnerung. Die jüdische Erinnerung an den Holocaust ist konzentriert auf Polen. Die meisten Juden, die sich an den Holocaust erinnern wollen, fahren nach Polen. Von den sechs Millionen Juden, die getötet wurden, waren drei Millionen polnische Juden. Auch Juden aus anderen Ländern wurden nach Polen transportiert und umgebracht. Praktisch konzentriert sich also die Holocaust-Erinnerung auf Polen und nicht auf Deutschland. An zweiter Stelle der Erinnerung steht Deutschland. Es ist ganz natürlich, sich so zu verhalten.

Was halten Sie von der deutschen Debatte und Intention eine Holocaust-Mahnmal zu errichten?

Falls die Menschen ein Mahnmal errichten wollen, sollen sie es tun und andere sollten sie nicht daran hindern. Ich bin gegen eine solche Idee. Mahnmale sind nicht wichtig, ebenso sind Fahnen und Symbole nicht wichtig. Die Verehrung von Symbolen legt den Grundstein für Fanatismus. Die zentrale Frage für mich ist die Trennung des Nazismus vom Deutschsein und der deutschen Vergangenheit. Nazismus hat keinerlei Verbindung zur deutschen Vergangenheit, er ist Teil einer neuen Bewegung, die das christliche Europa ablehnte. Was immer das Christentum oder der Islam dem Judentum angetan hat, beide haben immer zwei Prinzipien respektiert: Erstens wurde ein Jude, der zum Christentum oder zum Islam übertrat, sofort als „Bruder“ angesehen. Er konnte sogar Erzbischof werden. Es gibt keinen impliziten Hass gegen Juden, wenn es einen solchen Hass gab, dann nur solange, solange Jesus oder Mohammed verleugnet wurden. Dies ist eine völlig andere Haltung, als sie die Nazis hatten. Sie haben nicht nur nicht die Juden vernichtet, sondern in ihrer Ideologie behauptet, dass ein Jude sich nie ändern würde. Das ist etwas völlig anderes. Zweitens: Alle antisemitischen Bewegungen, die modernen ausgenommen, die am Ende des 19. Jahrhunderts entstanden sind, und aus denen der Nazismus entstanden ist, waren nicht für die Vernichtung der Juden, sondern für deren Diskriminierung. Keine dieser historischen antisemitischen Bewegungen hat die Vernichtung der Juden und ihrer Kinder propagiert. Nur die Nazis taten dies. Bevor der Entstehung des Nazismus gab es keinen Deutschen, der die Vernichtung der Juden verlangt hätte. Das Wichtigste, das ich den Deutschen raten würde, ist die Trennung des Nazismus von der deutschen Vergangenheit.

Ist es legitim zu unterscheiden zwischen dem Holocaust einerseits und der Politik der israelischen Regierungen gegenüber den Palästinensern andererseits? In Deutschland gibt es immer die Tendenz, die israelische Politik mit dem Phänomen des Holocaust zu rechtfertigen. Ist dies legitim oder sollten beide Dinge nicht strickt getrennt werden?

Dieses Anliegen ist völlig legitim. Alles sollte kritisiert werden, denn wenn man eine Ausnahme macht, wird eine zweite, dritte usw. folgen. Es ist völlig in Ordnung, Israel zu kritisieren. Das Holocaust-Argument geht in eine völlig andere Richtung. Der Holocaust war nur möglich, weil die Deutschen nicht über den Holocaust Bescheid wussten. Es gibt einen Beweis für diese These. Die Nazis versuchten, die Massentötungen der geistig und körperlich Behinderten zu verschleiern. Sofort als der katholische und protestantische Klerus es erfahren hatten, protestierten er dagegen. Selbst Hitler musste in dieser Frage zurückstecken. Das heißt, dass es den größten Widerstand gegen den Nazismus und andere Grausamkeiten gibt, wenn die Menschen darüber Bescheid wissen und ihre Stimme dagegen erheben. Sie können nichts mehr für die Toten tun, sie sind tot. Man kann nur einen bevorstehenden Massenmord an Lebenden verhindern, und dies durch eine allumfassende Kritik, Israel darin eingeschlossen.

Glauben Sie, dass die Oslo-Abkommen Israel Frieden bringen und zu einem Palästinenserstaat führen werden?

Wenn sie meinen, dass das Gebilde, was entsteht, als ein Palästinenserstaat bezeichnet werden kann, wie man die Transkei (ein ehemaliger Bantustanstaat in Südafrika L. W.) einen souveränen Staat genannt hat, dann ja. Ein Vorteil von Natanyahu ist, dass er gegenüber den USA willfähriger reagiert als jeder seiner Vorgänger. Wenn sich Clinton von seinen Skandalen erholt haben wird und Druck auf Israel ausübt, um Israel zur Anerkennung eines so genannten palästinensischen Staates zu veranlassen, wird Netanyahu der erste sein, der zustimmt. Falls der US-Präsident Netanyahu einen Befehl gibt, wird dieser ihn ausführen. Der US-Präsident schätzt Israel als ein Instrument amerikanischer Politik viel mehr als die Palästinenser oder alle arabischen Staaten zusammengenommen. Der Grund ist, Israel ist stark und reich. Israels GNP pro Kopf beträgt 16 900 US-Dollar. Die israelische Armee ist sehr stark. In Israel kann die Regierung laut Gesetz einen Krieg beginnen, ohne die Zustimmung der Knesset, des Parlaments. Israel sieht sich selber als Garant von Stabilität im westlichen Auftrag. Kann Arafat etwa die Stabilität des Nahen Ostens garantieren? Er kann gerade mal die Stabilität in seinen Enklaven sichern. Eine imperiale Macht wie die USA schätzt natürlich Israel viel mehr. Israel ist sehr wichtig für den geopoltischen Einfluß der USA in der Region. Dies ist wichtiger als der Einfluß der jüdischen Lobby in den USA. Es ist deshalb sehr unwahrscheinlich, dass die USA Druck auf Israel ausüben werden. Was immer von Arafat gegründet wird, es wird ein Art Transkei sein.

Glauben Sie, dass die USA Israel brauchen, um ihre imperialen Ziele im Nahen Osten durchsetzen zu können?

Ja, weil die israelische Armee bereit ist, falls nötig, in Saudi-Arabien zu intervenieren, um die saudische Dynastie zu retten; dies wäre mit der israelischen Armee am schnellsten zu bewerkstelligen. Wir können nicht erwarten, dass der amerikanische Kongreß oder der Deutsche Bundestag Truppen entsenden würde, um eine interne Revolution in Saudi-Arabien zu unterdrücken und niederzuschlagen. Der Golfkrieg war nur möglich, weil Saddam Hussein ein Land der UNO besetzt und nach der Besetzung es versäumt hatte, eine Marionetten-Regierung zu installieren; er annektierte es nur. Er benahm sich nicht wie die Sowjets oder die Amerikaner, als sie in andere Länder einmarschierten. Stellen Sie sich vor, die Sowjetunion hätte 1956 Ungarn annektiert.

Sind Arafat und seine Leute nur eine „Bande“ von korrupten Politikern, die auf Kosten ihrer Bevölkerung leben?

Ja. Diese Lage ist bisher historisch einzigartig. Die Frage ist, wann sie zu solchen Menschen wurden? Arafat war es bestimmt nicht 1965. Ich glaube, er wurde korrupt, als er die Hälfte des Libanon regierte. Heute ist er genau das, was Sie gesagt haben.

Falls sich diese Ausbeutung der eigenen Bevölkerung fortsetzt, könnte es dann nicht zu einem wirklichen Volksaufstand gegen Arafat kommen, der sich dann aber auch zusammen mit der palästinensischen Behörde gegen Israel richten könnte?

Ich glaube, dass es einen Volksaufstand gegen Arafat geben wird. Zu Beginn wird es einen quasi anarchistischen Aufstand à la Intifada geben. Er war nicht gesteuert, sondern verbreitete sich durch Nachahmung. Ich glaube, dass Ähnliches Arafat passieren könnte. Arafats Regime ist aber viel stärker als unserer Geheimdienst jemals in den Gebieten war, weil es sich modernster Technik bedient. Arafat hat ein Computersystem installiert, das alle Daten von Personen erfasst und analysiert. Eine solche Totalerfassung gab es vor 30 Jahren noch nicht. Hinzukommt noch, dass er ein palästinensischer und kein fremder Diktator ist. Und seine Männer sind palästinensische Gangster. Unser Geheimdienst war nicht nur schlimm, sondern er war auch sehr dumm. Er glaubte, alles über die Palästinenser zu wissen, aber tatsächlich wußte er nichts. Arafat dagegen kennt die eigene Bevölkerung und weiß, sie zu beherrschen. Er ist ein cleverer Despot.

In Kürze wird Israel 50. Was wünschen Sie sich für Ihr Land?

Eine Entzionisierung. Die Beseitigung von Apartheid und Diskriminierung. Seit Jahren sage ich, dass Israel ein Apartheid-Staat ist und es gegenüber Nicht-Juden diskriminiert. Ich wünsche mir, dass unser Land diese Art der Diskriminierung beendet. Ich bin kein Utopist. Ich meine die legale Diskriminierung und die offizielle Unterdrückung. Dies wäre eine gute Grundlage für einen „kalten Frieden“ im Nahen Osten. Ich erwarte keinen „warmen Frieden“ für die Region. Ich bin für einen „kalten Frieden“ wie er zwischen Griechenland und Mazedonien existiert. Beide mögen sich nicht, führen aber auch keinen Krieg gegeneinander. Die erste Bedingung für diese Art des Friedens ist die Entzionisierung Israels. Sonst wird es über kurz oder lang wieder zu Kriegen kommen. Ich bin weiterhin für die Beseitigung der Kluft zwischen reich und arm. Israel steht, was die Einkommensunterschiede anbelangt, and dritter Stelle. Ich erinnere auch an den Holocaust. Die legalen Diskriminierungen von Gruppen erinnern mich an diese Ursachen, die zum Holocaust geführt haben. Der erste Schritt der Nazis war nicht die Vernichtung der Juden, sondern die Entlassung aller Juden, auch derjenigen, die konvertiert waren. Bis zu diesem Moment waren sie deutsche Patrioten.

Als Deutscher möchte ich dieser Antwort widersprechen, weil der Holocaust für mich in der Geschichte einzigartig ist. Was Sie gesagt haben, war aber sehr provokativ für deutsche Ohren.

Als moderater Pessimist kann ich sagen, dass Ruanda, Kambodscha und Bosnien gezeigt haben, dass der Holocaust immer wieder vorkommen kann. Es ist nur die Existenz von ziviliiserten imperialen Mächten, die einen Holocaust verhindern. Falls sich einmal keine imperiale Macht mehr für die Welt verantwortlich fühlen sollte, könnte es wieder einen Holocaust geben.

Professor Shahak ich danke Ihnen für das Gespräch.

Foto: Palästina-Portal

Samstag, 7. August 2010

"Wir haben eine sehr unzulängliche Führung"

Interview mit Rabbi Jeremy Milgrom, Jerusalem, Israel. Die Fragen wurden gestellt von Ludwig Watzal, Journalist, Bonn.

Was denken Sie über Israels Behandlung der Gaza-Freedom-Flotilla?

Ziemlich übel. Exzessive Gewaltanwendung. Wir kennen dies schon seit langer Zeit, wenn es zu Demonstrationen mit Palästinensern kommt. Dieses Mal war es exzessive Gewaltanwendung gegen Europäer und Internationale in völlig unangemessener Weise. Vor sieben Jahren wurden Rachel Corrie und Tom Hurndall getötet. Die Leute heute tun nichts Illegales. Sie versuchten, nach Gaza zu kommen. Das sind schreckliche Momente für die israelische Gesellschaft.

Denken Sie, die israelische Regierung wird nach dem Mord an neun türkischen Bürgern ungeschoren davonkommen?

Ungeschoren davon kommen hängt von der Art der internationalen Strafe oder den Konsequenzen ab, die es geben wird. Die Verschlechterung der Beziehungen mit der Türkei ist ein schwerer Fehler in Bezug auf die israelischen Prioritäten, und ob die hinter der Entscheidung stehenden Leute strafrechtlich verfolgt werden, bezweifle ich. Mögen doch endlich Israelis für Verbrechen auf der internationalen Ebene verantwortlich gemacht werden. Eine der wahrscheinlichen Auswirkungen durch die globale Aufdeckung von Israels harter Behandlung des Gazastreifens könnte eine Lockerung der Blockade sein. Die USA meint es ernst, wenn sie sagt, die Situation im Gazastreifen sei unannehmbar. Es ist wieder die Frage, ob Obama nur redet oder ob er diesmal handelt – wir werden sehen.

Während man die bescheidene US-amerikanische Reaktion auf den Mord der neun Zivilisten sieht und wie der Vizepräsident Joe Biden während seines letzten Besuches in Israel behandelt wurde, könnte man da einigen US-Druck auf Israel erwarten? Biden scheute keine Mühen und erklärte in Israel als Vizepräsident der USA: „Es ist gut, wieder zu Hause zu sein.“ Dieses Zitat fand sich nicht in den US-Medien. Einerseits sagte Obama, dass die Behandlung eine Beleidigung seines Landes sei, andrerseits gab es den enormen Druck durch Interessengruppen, die sie eine Meinungsverschiedenheit unter Freunden nannten. Wenn man all dies in Betracht zieht, was denken Sie, wird die USA gegenüber Israel härter reagieren?

Ich denke, dass der politische Mut, den Obama zu Beginn seiner Amtszeit zeigte, um die Politik der Clinton- und Bush-Ära zu verändern, zögerlich geworden ist. Nun im Fall der Gazaboote hört man ein eindeutigeres amerikanisches Statement, aber ich weiß nicht, ob es dabei bleibt. Persönlich bin ich sehr froh, dass die USA mit den andern 188 Ländern gestimmt hat, im Nahen Osten eine atomwaffenfreie Zone zu schaffen. Es ist ein Abschied von der früheren US-Politik, die Israels Atomwaffenpolitik vollkommen unterstützte. Es ist ein Schritt weg davon. Mein Gefühl ist, die Rücksichtslosigkeit der israelischen Reaktion gegenüber den Booten sollte eine Menge Leute nervös machen, genau wie die Tatsache, dass Israel immer Atombomben hat. Was für eine schlechte Wahl der Taktiken durch Israel, um auf eine Nichtbedrohung zu reagieren wie im Fall der Boote. Man stelle sich die Reaktion vor, wenn es eine reale Bedrohung aus dem Iran gewesen wäre. Bibi (Netanjahu) redet darüber seit 15 Jahre. Es ist sein Motto, diese Trommel zuschlagen. Es passt zur israelischen Mentalität, dass wir die Opfer sind, dass wir bedroht sind, und all dieses Zeug. Dem israelischen Drängen auf Sanktionen gegen den Iran ist durch diese Überreaktion auf die Boote ein Schlag versetzt worden.

Gehen wir ein wenig in die Psychologie. Schauen wir uns das Bombardement im Libanon von 2006, das „Massaker“ im Gazastreifen 2008/09 und jetzt den Angriff gegen die internationale Solidaritätsbewegung an. Warum reagiert die israelische Regierung immer mit solcher Brutalität?

Die Idee immer und zuerst Gewalt anzuwenden statt als letzten Ausweg, hat damit zu tun, wer die Persönlichkeiten sind, die Verantwortung tragen. Wir haben eine Gruppe von sieben, welche die Entscheidungen treffen (das sog. Sicherheitskabinett L.W.) Wenn wir auf drei der sieben schauen, so waren diese selbst Kommandeure: Netanyahu, Yaalon, Barak. Lieberman und Yishai sind verrückt, sie sind Menschen, denen man keine Macht geben sollte. Wir haben eine sehr unzulängliche Führung.

Hat die Gewaltanwendung etwas mit dem Holocaust-Trauma zu tun?

Es gibt ein anormales Maß an Ängsten. Ich denke dabei an Ängste, die von oben fabriziert wurden. Durch diese Angst wird in Bezug auf jeglichen Ärger das, was wir im Holocaust erlitten haben, aus dem christlichen Europa in den muslimischen Nahen Osten umgeleitet. Ich glaube, dies ist eine Manipulation. Aber ich denke auch, dass die Israelis wirklich Angst haben. Der palästinensische Widerstand, der auch gewalttätig war, ist eine Katastrophe gewesen, weil dies die israelische Haltung verhärtet hat. Israelis fürchten sich deshalb vor jeder Veränderung, wie zum Beispiel ein Stück Land abzutreten oder den Palästinensern irgendeinen geographischen Vorteil zuzugestehen, selbst wenn sie dabei ein schlechtes Gewissen haben.

Was denken Sie, ist es gut, am Holocausttrauma als einem politischen Instrument für eine ganze Gesellschaft fest zu halten oder Kinder mit diesen Schrecken groß zu ziehen?

Ich denke, man kann den Holocaust nicht ignorieren.

Natürlich nicht.

Aber ich denke, die Israelis haben die falschen Lehren daraus gezogen. Als erstes gilt, dass der Holocaust sich „nie wieder“ für Juden ereignen darf. So etwas darf nie wieder geschehen. Punkt.

Natürlich kennen Sie Yehuda Elkanas berühmten Aufsatz „Die Notwendigkeit zu vergessen“, den er in der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ am 2. März 1988 veröffentlichte. Abi Melzer hat ihn gerade in seiner letzten Nummer von „Der Semit“ wieder veröffentlicht.

Das ist gut. Es ist ein erstaunlicher Artikel.

Ich las ihn gerade, bevor ich hierher kam. Elkana sagte, dass die Israelis lernen sollten zu vergessen. Und er fuhr fort, dass es „die größte Bedrohung für die Zukunft Israels sei“. Was denken sie darüber?

Wir haben so viele pädagogische Herausforderungen. Die israelischen Schulen haben die Verpflichtung auf sich genommen, Soldaten zu erziehen. Die Schulen haben Soldaten produziert, und das ist schief gegangen. In den ersten Jahren war ich in Yesh Gvul (Es gibt eine Grenze L.W.) engagiert. Sie unterstützte Soldaten, die sich weigerten, im Libanon Militärdienst abzuleisten. Ich sah mich selbst mit dem Problem konfrontiert, im Libanon Dienst zu tun. Ich kam zu der Schlussfolgerung, dass es die Aufgabe der Regierung ist, die einen Krieg führen will, dass sie ihre Bürger überzeugt, dass es ein notwendiger Krieg ist. Wir müssen in die Notwendigkeit des Krieges glauben. Wenn die Regierung versagt, kann man nicht eine Person bestrafen. Es ist das Versagen der Regierung, sie zu überzeugen. Die Aufgabe des Pädagogen ist es, den Schülern zu helfen, gute Entscheidungen zu treffen, die sich auf Moral und Werte gründen und nicht darauf, einfach Befehlen zu gehorchen.

Könnten Sie der Schlussfolgerung von Elkana folgen?

Programmatisch ist es unmöglich. Man kann nicht vergessen. Es ist ein Wunsch, den er ausspricht. Der Holocaust hängt uns am Hals, aber pädagogisch muss man sich sachgemäß damit aus einander setzen und keine Instrumentalisierung erlauben und verallgemeinern und sagen: wir allein sind die Opfer, sonst niemand. Auf dem Weg nach Deutschland las ich eine Zeitung. Ein Soldat (der beim Überfall auf die Flotille dabei war L.W.) wurde wie folgt zitiert: „Sie wollen uns lynchen.“ Zunächst einmal wurde kein einziger Soldat getötet. Sie nahmen drei Soldaten gefangen, sie töteten sie nicht. Die Zeitung interviewte den Kapitän R. im Krankenhaus (Sie gaben seinen Namen nicht preis). Er sagte, dass jeder, der gegen uns auftrat, uns töten wollte. Dies ist eine sehr subjektive Ansicht. Dies ist die Mentalität, „alle seien gegen uns“. Obwohl man schwer bewaffnet ist, ein Schiff illegal entert, sagt er, sie wollten uns töten. Wie mag sich da erst die andere Person gefühlt haben?

Sie sind noch immer ein Mitglied der Organisation „Rabbiner für Menschenrechte“?

Ich bin die loyale Opposition. Ich gehöre noch dazu, aber ich bin mit vielem nicht einverstanden.

Was ist der Unterschied zwischen dieser Organisation und den andern jüdisch religiösen Gruppen? Warum benötigt man eine spezielle Organisation, die sich um die Menschenrechte kümmert? Wie ist es mit dem offiziellen jüdisch religiösen Establishment? Kümmern sie sich nicht um die Menschenrechte der Palästinenser? Leben sie nicht nach der jüdisch humanitären Tradition, nach der man sich um den Nächsten/den Fremden in seiner Mitte kümmert?

So sollte es sein. Aber offensichtlich gab es die Notwendigkeit, eine Erklärung abzugeben, dass wir Rabbiner für Menschenrechte sind, weil das rabbinische Establishment nicht auf diese Notwendigkeit reagierte. Tatsächlich dient es nur jüdischen Interessen. Man könnte im vulgären Sinne sagen, die Rabbiner sind Cheerleader. Während des Angriffes auf den Gazastreifen haben die Armeerabbiner und die anderen mitgebrachten Rabbiner die Begeisterung der Soldaten angeheizt und gesagt, sie sollten keine Gnade zeigen, sondern brutal sein. Das ist buchstäblich so protokolliert und berichtet worden. Ich denke es bedarf einer gravierenden Neuausrichtung ihrer Prioritäten, um die Nachricht zu ändern. Inzwischen sind die Rabbiner für Menschenrechte eine sehr kleine Minderheit. Es gibt viele Israelis, die erfreut und erleichtert sind, dass es eine Stimme wie die der Rabbiner für Menschenrechte gibt.

Gibt es keine Kritik seitens der israelischen Öffentlichkeit über aufwiegelnden Erklärungen gegen das palästinensische Volk von „religiösen“ Funktionsträgern?

Man sollte daran denken, dass Israel eine sehr gespaltene Gesellschaft ist. Was die israelische Öffentlichkeit eint, ist die Angst vor den Palästinensern; ein gewisses Gefühl von Egoismus, dass dieses Land uns gehört und sie nicht hier sein sollten, oder es sollte ihnen nicht auf unsere Kosten gegeben werden. Aber im Inneren ist es tief gespalten. Zum einen gibt es die Spaltung zwischen der religiösen und der nicht religiösen Gesellschaft. Hier gibt es eine Menge Probleme, die Zorn und Ärger gegen die Rabbiner verursachen, wie z.B. die Tatsache, dass die Heirat ein religiöses Monopol ist. Man kann nur nach dem jüdischen Gesetz heiraten, oder man muss nach Zypern reisen, um dort vor dem Standesamt zivil zu heiraten. Als Reform-Rabbiner ist es illegal, ein Paar zu trauen. Eine solche Trauung ist ungültig.

Ist die Arbeit der Rabbiner für Menschenrechte auf das eigentliche Israel beschränkt oder befassen Sie sich auch mit den besetzten palästinensischen Gebieten? Sind die Rabbiner für Menschenrechte nur gerade das gute Gewissen für die israelische Gesellschaft?

Sie begannen mit einer Reaktion auf die Verletzung der Menschenrechte. Rabin gab 1988 den Befehl, den palästinensischen Demonstranten die Knochen zu brechen. Die Intifada war der Auslöser, der uns veranlasste, aufzustehen. Wir kümmern uns aber auch um interne soziale und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten, die nichts mit Palästinensern zu tun haben. Aber ihr guter Ruf hängt mit der Misshandlung der Palästinenser zusammen. Jeder sagt, wir seien gegen Armut. Aber dass Rabbiner sich für die Rechte der Palästinenser einsetzen, das ist ungewöhnlich, wenn alles polarisiert ist, und Judentum als etwas angesehen wird, um das jüdische Privileg zu schützen und nicht den göttlichen Funken in jedem menschlichen Wesen zu sehen.

Sehen Sie die Rabbiner für Menschenrechte als eine zionistische Organisation an?

Es ist eindeutig eine zionistische Organisation. Ich denke, ich bin der einzige Rabbiner, der offen sagt, ich bin kein Zionist. Es bedeutet nichts. Es ist anachronistisch, es ist problematisch, es ist eine nette Idee, aber sie kann heute nicht angewendet werden, ohne Diskriminierung und andere Missstände mit sich zu bringen.

Verstehen Sie sich selber als Nicht-Zionist oder als Anti-Zionist?

Das hängt von meiner Stimmungslage ab. Meine Beziehung zu meiner zionistischen Vergangenheit empfinde ich als naiv. Ich bin ein bisschen ärgerlich über meine Eltern, die mich zionistisch erzogen haben. Sie wissen dies. Ich betrachte den Zionismus jetzt als eine Phase im jüdischen Leben, von der ich hoffe, dass sie der Vergangenheit angehört und nicht weitergeht. Und ich glaube, dass in nicht all zu ferner Zukunft die Israelis die Idee des Zionismus als nicht sehr nützlich, praktisch oder hilfreich finden, um ihre Probleme zu lösen.

Aber das ganze Gebäude des Staates ist doch rund um diese Ideologie gebaut. Es gibt viele Kritiker des Zionismus, die sagen, man müsse sich nur davon lösen. Das würde es viel leichter machen, mit den Palästinensern Frieden zu schließen. Sie behaupten, Israel solle ein normaler westlicher demokratischer Staat werden und alle die Gesetze aufheben, welche die jüdischen Israelis gegenüber den nichtjüdischen privilegieren. Kein seriöser Kritiker des Zionismus leugnet Israels Existenzrecht; sie hinterfragen allerdings seinen zionistischen Charakter. Für sie ist eine „De-Zionisierung“ die Voraussetzung für Frieden und eine friedliche Koexistenz in der Region. Stimmen Sie mit diesen Kritikern überein?

Ich denke, dass der Zionismus seine Kraft als einigendes Prinzip in Israel verloren hat. Die zionistische Bevölkerung ist in zwei Gruppen gespaltet: die zionistische Bevölkerung und die Nicht-Zionisten oder Post-Zionisten. Bei der national-religiöse Öffentlichkeit, die wir die „knitted Kippah“-Öffentlichkeit nennen (Nationalreligiöse Juden sind an ihrer gestrickten Kippa zu erkennen), sehe ich kein Preisgabe des Zionismus. Zionismus steht für viele verschiedene Dinge. Zum Beispiel erlaubt er solche Brutalitäten wie die Invasion in den Gazastreifen. Im säkularen Teil der israelischen Gesellschaft sehe ich eine schrittweise Aufgabe des Zionismus. Die Spaltung der Gesellschaft hat schon begonnen. Der zionistische Traum ist wie die islamische Vorstellung von diesem Land als die eines islamischen Besitzes. Man fühlt es in seinem Herzen und man erzieht seine Kinder danach. Aber wie ist es mit dem Staat? Wie soll er funktionieren? Der Staat des jüdischen Volkes ist etwas, das vergangen ist, der ständig eine Kluft zwischen Juden und Palästinensern schafft. Ich will, dass mein Judentum durch meine Ausbildung und meine Kultur und nicht durch einen Staat geformt wird.

Kritiker behaupten, dass Israel auch ohne Zionismus leben kann. Er ist wie die Ideologie des Kapitalismus. Ursprünglich kam die Idee des Kapitalismus vom Protestantismus. Sein Wertesystem ist nicht mehr nötig für das Funktionieren des westlichen kapitalistischen Systems. Das System läuft von alleine. Israel ist 62 Jahre alt. Es hat sich im internationalen System gut eingerichtet. Es verfügt über einen riesigen Militärapparat und ist sehr mächtig. Benötigt es denn noch die zionistische Ideologie?

Ich stimme mit Ihnen überein, dass Israel auch ohne Zionismus lebensfähig wäre, und es viel besser sein würde, wenn Juden und Palästinenser in Israel als Partner zusammenarbeiten würden und nicht eine Situation vorherrschen würde, in der die Palästinenser 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen, sich immer marginalisiert fühlen und ohne Bürgerrechte sind, wenn immer nur von einem jüdischen Staat die Rede ist. Ich denke, für Israels Heilung wäre es nötig, den riesigen Militärapparat - von dem Sie als einem Zeichen von Stärke reden - los zu werden. Ich denke, es ist ein Zeichen von Schwäche, einem Zeichen von Unsicherheit. Dies zeigt auch Israels Reaktion gegenüber der Flotille.

Sie sind auch im interreligiösen Gespräch engagiert. Ist dies ein trilateraler Dialog? Oder sind dies nur Treffen, bei denen israelische Intellektuelle und ihre europäischen Partner miteinander reden? Ich denke, in Israel kümmert sich keiner um interreligiösen Dialog. Ist dieser Eindruck richtig?

Grundsätzlich stimme ich mit Ihnen überein. Es betrifft nicht die Basis. Vergessen Sie nicht, dass der überwältigende Teil der religiösen Juden in ihren Ansichten zum rechten Flügel gehören. Sie sind nicht daran interessiert. Sie sehen dies als eine Art Betrug ihrer Prinzipien. Leute, die von jüdischer Seite zu einem interreligiösen Dialog gehen, sind liberal oder gar nicht religiös. Man sieht hauptsächlich europäische und amerikanische Christen und auf muslimischer Seite hauptsächlich Sufis, aber diese repräsentieren nicht die muslimische Bevölkerung. Sie repräsentieren eine Art New-Age-Sache, was gut ist. Man redet nicht von einem Treffen gleichwertiger Partner. Die jüdische Seite dominiert. Die Aktivitäten sind sehr marginal. Das Traurigste bei diesem interreligiösen Dialog ist, das dieser, obwohl er die Fassade der geistigen Offenheit hat, tatsächlich etwas ist, das die wirklich wichtigen moralischen Themen vermeidet, weil er strukturell von Juden dominiert ist und die Palästinenser eine Feigenblattrolle spielen. Man nimmt dort als eine Vorzeigeperson teil, nicht wirklich frei, seine Meinung zu sagen. Es ist nicht das Judentum, auf das wir seit Tausenden von Jahren stolz sind. Es ist das, was Marc Ellis „Konstantinisches Judentum“ nennt. Wirkliches jüdisches Leben dreht such um den Sabbat. Mein jüdisches Leben versucht heute auf irgendeine Art, das Abtriften des Judentums von übermäßiger Inanspruchnahme der Gewalt zu korrigieren. Was für ein Unterschied. Religiös wurde das „uns“ definiert durch die Einhaltung des Sabbats. Heute bitten wir um Hilfe, damit wir wieder zu „uns“ selbst zurückfinden und uns wie Menschen verhalten und nicht wie Barbaren. Was für ein anderes Judentum ist das?

Wie sieht Ihre Lösung des Konfliktes aus? Sollte es ein jüdischer Staat sein neben einem palästinensischen Staat? Sollte es ein binationaler Staat sein? Was meinen Sie, würde das Beste für beide Völker sein?

Die überwältigende Mehrheit ist für die Fortsetzung Israels als ein jüdischer Staat. In Wirklichkeit ist es kein jüdischer Staat. Weder was sein Verhalten betrifft noch was die Aussichten betreffen, jüdisch und demokratisch zu bleiben. Es gibt eine gleich große Anzahl von Juden und Palästinenser in dem Gebiet, das Israel kontrolliert. Die Juden, die ihre Hoffnung in fortgesetzte jüdische Herrschaft investieren, betrügen die jüdische Moral. Ich denke, wenn wir zusammen in einem Staat leben, ist dies ein besserer Weg, um Probleme zu lösen, als der Traum und die Versuche, zwei Staaten zu schaffen. Eine Zwei-Staatenlösung ist eine Illusion. Ein stabiler Frieden würde das Rückkehrrecht der Flüchtlinge bedingen. Das macht uns zu einer Minderheit. Für mich wäre das ganz gut.

Herr Milgrom, danke für das Interview.

Jeremy Milgrom ist Mitglied der Rabbiner für Menschenrechte“ und Teilnehmer beim interreligiösen Dialog in Israel. Er lebt in Jerusalem.

Übersetzung ins Deutsche: Ellen Rohlfs, Leer.
Foto: Sylvia Samad-Tari, Köln.

Erschienen in der Unabhängigen jüdischen Zeitschrift "Der Semit". Zuvor in gekürzter Form erschienen in Englisch in CounterPunch und komplett hier.